The Art of Living Sideways

  • 08/09/2015
  • Anita Fuchs

Interview mit Sophie Friedel

Seitwärts auf einem Brett zu stehen, sorgt bei uns allen immer wieder für dieses breite Grinsen, das mit einer tiefen Zufriedenheit und positiven Aufregung einhergeht. Diesen inneren Frieden, der einen nach einer tollen Session glücklich ins Bett fallen lässt, nutzen einige Sportlerinnen in ihren Hilfsorganisationen wie z.B. die Surferin Emi Koch mit „Beyond the Surface“ oder Easkey Britton bei „Waves of Freedom“ für einen positiven Wandel in der Gesellschaft. Die deutsche Skateboarderin Sophie Friedel veröffentlichte nun ein Buch über „The Art of Living Sideways“ in dem sie sich mit dem Thema beschäftigt inwiefern, in dem Fall Skateboarden, Frieden bringen kann.

Sophie Friedel

Was ist „The Art of Living Sideways“? Wie würdest du diese Lebenseinstellung oder den Moment beschreiben? 

Die Art of Living Sideways hat verschiedene Bedeutungen. Zum einen ist das der Titel meines gerade veröffentlichten Buches, dass sich mit dem Thema Skateboard fahren und Friedensarbeit beschäftigt. Zum anderen bezieht sich der Titel aber auch auf die Wirkungen von Brettsportarten wie Skaten, Surfen und Snowboarden. Prinzipiell gilt dieser Moment für die Sportarten, die aus der reinen Bewegung austreten und sich wie ein sogenannter Lifestyle, in Verbindung mit Klamotten, Musik, Kunst und anderen Auswirkungen in den Alltag schleichen und damit auch das Umfeld außerhalb des Sportes selbst und die Lebenseinstellung beeinflussen. Diese Lebenseinstellung zu erklären ist gar nicht so leicht, da sie sich ständig verändert und jede nimmt sie anders wahr. Was die Brettsportarten aber alle gemeinsam haben, und daher kommt der Name „sideways“, ist, dass die Fahrerinnen seitlich auf den Brettern stehen, um sie mehr oder weniger kunstvoll zu bewegen. Diese Aktivitäten haben auch gemeinsam, dass man mit ihnen ekstatische Momente der Glückseligkeit oder besser gesagt, die Geilheit des Lebens erfahren kann. Der Zustand ähnelt einem Gefühl von innerem Frieden mit sich und der Welt und ist weit mehr als nur ein momentaner Augenblick. In diesem Sinne symbolisiert der Moment des seitlichen Lebens eine Art Medizin, die uns hilft Körper, Geist und Seele im hier und jetzt zu verbinden.

 Sophie Friedel

Was waren deine Hauptbeweggründe, dieses Buch zu schreiben?

Durch meine Arbeit in Kabul mit Skateistan erkannte ich das große  Potential der Brettsportarten für die Friedensarbeit und Konfliktlösung, und wollte erforschen, wie wir in einer globalen Welt des 21. Jahrhunderts durch Skaten in mehr Frieden, Freiheit und Freude miteinander leben können. Das konnte ich dann wunderbar mit meiner Master Arbeit für mein MA in Peace, Development, Security and International Conflict Transformation verbinden, denn der ursprüngliche Beweggrund dieses Buch zu schreiben, war meine MA Abschlussarbeit. 

Was hast du bei deinen Recherchen für dich persönlich gelernt?

Während meiner Recherchen habe ich gelernt, dass Ideale bedeutungslos sind für die Verbesserung der Welt und so ist das auch mit guten Intentionen. Beide führen meiner Erfahrung nach zu mehr Chaos und Konflikten. Mir ist auf einer tieferen Ebene bewusst geworden, dass die  Welt ohne Konflikte tot wäre und nichts Neues entstehen könnte. So gesehen braucht der Friede den Konflikt und vice versa um zu existieren. Das kann man sich wie das Ying und Yang Prinzip vorstellen.  Auch habe ich gelernt, dass es neben der vielen Kritik an unserer Entwicklungsarbeit und Friedenspolitik trotzdem endlose Möglichkeiten für die Erfahrungen von Frieden gibt, die wir noch gar nicht alle begreifen.

The Art of Living Sideways

Was sind die Hauptaussagen in deinem Buch?

Die Hauptaussagen in meinem Buch beziehen sich auf die Friedensarbeit im 21. Jahrhundert. Dafür muss ich kurz ausholen um das zu erklären. In der internationalen Zusammenarbeit gibt es den Begriff „Peacebuilding“. Die Idee stammt aus der Zeit der Gründung der Vereinten Nationen und  versteht sich als den Wiederaufbau von sogenannten Post-Konflikt-Gebieten. Dieser Ansatz setzt voraus, dass Friedensfachkräfte als eine Art Ingenieure eingesetzt werden, die mit ihrem Werkszeugkoffer die Welt retten. Ich sehe die Welt nicht als Maschine, sondern als einen lebendigen Organismus. Wenn man so anfängt zu denken, kann Frieden nicht mehr gebaut werden, vor allem nicht von einer außen stehenden Macht. Daraus ergibt sich meine Hauptaussage, dass sich die Friedensarbeit heute darum kümmern sollte das extraordinäre Potential jedes Menschen zu entdecken, zu  entfalten und zu nähren. Außerdem schreibe ich natürlich viel über das Skateboard fahren auf langen und kurzen, breiten und dünnen Brettern. Die Schlussfolgerung aus dem Buch ist,  dass man durch Skaten und anderen Sportarten zu einem Gefühl des inneren Friedens kommen kann, der sich weiter ausbreitet als nur im innerem Selbst der Riderin. 

Wie kann Skateboarden helfen Frieden zu schaffen?

Das kleine Brett auf vier Rollen gilt zwar oft nur als Spielzeug, aber es hat ein enormes Potential und viele Möglichkeiten dem Frieden auf der Welt im Skateboarden Raum zu geben. Nicht nur ist Skaten eine super Beschäftigung, das Brett erleichtert auch in  Kontakt zu treten, es agiert quasi als eine Vernetzung zwischen verschiedensten sozio-politischen Gruppen, es entstehen Veränderungen in menschlichen Beziehungen. Das Skateboard selbst ist dabei das Fahrzeug, welches der skateboardenden Person hilft sich zu verändern und nicht die schaffende Kraft. Mir geht es dabei um die verkörperte Erfahrung des Skatens selbst. Durch die Bewegung auf dem Brett bewegt sich die ganze Energie der Skateboardfahrerin. Das sogenannte athletische Bewusstsein hilft der Skateboardfahrerin die Dynamik wie z.B. von Stress oder Wut, durch Bewegung in künstlerische Formen umzusetzen. Dadurch können sich Erfahrungen wie z.B. Freude, Freiheit und Friede einstellen. Natürlich funktioniert das auch andersherum und dieser Austausch führt zu einer inneren Balance. Skateboarden fordert dazu auf, mit der Aufmerksamkeit bewusst im Hier und Jetzt zu sein. Das macht einen freien Kopf, auch als innerer Friede bekannt. Während oder nach einer geilen Session kann der ganze Körper vor Adrenalin vibrieren und kann als mega Freude oder auch Stoke wahrgenommen werden  – was ansteckend ist. 

Wie kann man den Stoke des Skateboardens weitertragen?

Um den Stoke des Skateboardens weiterzugeben, gibt es tausend Möglichkeiten. Skateistan z.B. macht das wunderbar, aber auch einfach nur einander zu helfen einen Trick zu stehen, Equipment weiterzugeben, auch ein fettes Grinsen im Gesicht  zu verschenken, teilt schon die Skateboard Freude.

 The Art of Living Sideways

Du bist an deine Studien etwas ungewöhnlich rangegangen... inwiefern?

Inspiriert von den Feministinnen der 70er Jahre ging es mir darum zu erinnern wie politisch persönliche Erfahrungen eigentlich sind und dass die Banalität des Bösen (siehe Hanna Ahrendt) in allen von uns und unseren bürokratischen Systemen steckt.  Wir führen immer noch Kriege, machen Geschäfte und forschen in einer Weise, die unsere Mitmenschen wegen ihres sozialpolitischen Hintergrunds, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder allgemeinem Anderssein entmenschlicht. Ich wollte eine Möglichkeit finden, die wissenschaftliche Konfliktforschung zu verbessern in dem ich persönliche Erfahrungen mit in die Forschung einbeziehe. Das führte mich einige Male, obwohl es nicht so hätte sein sollen, fast zu einer Art Seelen-Striptease. Dadurch habe ich aber viel über mich selbst lernen können, und mit sich selbst im Reinen zu sein, hat ja bekanntlich eine größere Wirkung in der Welt als man sich vorstellen kann.  

Erzähl doch kurz von deiner Zeit bei Skateistan...

Im Herbst 2009 bin ich das erste Mal für sechs Monate nach Kabul zu Skateistan gereist um dort bei der Organisation zu helfen und zu unterrichten. Skateistan, die Mitarbeiter und Schüler haben mich total inspiriert und so bin ich immer wieder nach Afghanistan geflogen. Dort durfte ich viele Erfahrungen machen, die mich sehr geprägt haben. So zum Beispiel der Zwiespalt zwischen der Herzlichkeit der Menschen und die Grausamkeit der kriegerischen Gewalt zu erleben, hat mich zum Nachdenken gebracht.

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Peace Studies klingt toll, aber kann man Frieden studieren?

Ja, Frieden kann man studieren und es  gibt  weltweit sogar einige Universitäten, an denen man einen PhD zu dem Thema machen kann. In der Wissenschaft gibt es die verschiedensten Theorien zu dem Thema, dessen Auslegung und Bedeutung. Wie man mit Frieden umgeht – ob man den Frieden managend oder Konflikte transformiert,  da streiten sich allerdings die verschiedensten Ansätze teilweise ordentlich. Daher denke ich, dass Frieden am besten zu begreifen ist wenn man ihn, und auch seine Abwesenheit, am eigenen Körper erfahren kann. 

Wie bist du zum Skateboarden gekommen?

Während meiner Ausbildung zur Designerin in England habe ich ein Praktikum in einer ziemlich coolen Holzwerkstadt gemacht und die Jungs hatten alle Skateboards. In der Mittagspause habe ich manchmal damit rumgespielt und irgendwann bin ich süchtig geworden.

Welches Projekt steht als nächstes an?

Momentan habe ich verschiedene Projekte in der Pipeline, aber noch nichts wirklich konkretisiert was ich dir hier erzählen kann. Für neue Abenteuer bin ich immer offen und freu mich auf schöne Angebote. Also bei frischen Ideen, gerne melde.

The Art of Living Sideways     



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