Unsere Beine baumeln locker von der Steinmauer, wir schauen auf „El Tunco“ (das Schwein), eine Felsformation mitten im Pazifischen Ozean, die an ein Ferkel erinnert, während die Sonne langsam verschwindet und sich ihre letzten Strahlen am Fels wiederspiegeln. Ein kleiner Junge stupst mich an, er führt wie jeden Abend seinen blinden Vater am Arm die Strandmauer entlang und versucht mit seinem traurigen Gesicht Popcorn zu verkaufen. Währenddessen kommen auch die letzten Surfer aus dem Wasser, mit lachenden Gesichtern, stoked von den perfekten Wellen und voller Vorfreude auf die Partynacht, die vor ihnen liegt. Ich stecke dem kleinen Jungen einen Dollar zu und er lächelt mich an, ich lächele zurück und verliere mich in kontroversen Gedanken an die Armut des kleinen Jungen und meiner Vorfreude auf den nächsten Tag im Pointbreak Paradies.

Foto von: Samuel Gonzales

Gewalt in El Salvador

Als ich Freunden und Familie erzählte mein nächster Surftrip gehe nach El Salvador, werde ich sofort mit Horror-Verbrechen-Fakten überschüttet: „Da wird doch jeden Tag einer umgebracht?!“ „Mmh, ist das nicht die gefährlichste Stadt der Welt?“, „Ah, da gibt es doch die Gangs of Horror?!“, die Vorurteile sind erdrückend. Mein Abenteuergeist ist dennoch geweckt und meine positiven Erwartungen an endlose Pointbreaks sind übermächtig. Nichts desto trotz sind die harten Fakten natürlich erschütternd. Im ersten Quartal des Jahres 2016 gab es in El Salvador durchschnittlich 20-24 Morde pro Tag, und das bei nicht einmal 7,5 Millionen Einwohnern, und somit gilt El Salvador als das gefährlichste Land der Welt. Nach 12 Jahren Bürgerkrieg (von 1980 bis 1992) und wechselnden Militärregierungen ist die Region nur scheinbar wieder befriedet. An die Stelle des Krieges ist allerdings ein anderer, erschütternder Konflikt getreten:

Verschiedene Gangs wie die gefürchteten Salvatruchas und Barrio 18 spalten die Gesellschaft in verschiedene Lager. Die Banden senden ihre Todesschwadronen in die gegnerischen Viertel aus und leben ihre Macht und ihren Einfluss in Blut- und Drogen-Fehden auf der Straße aus. Erzählungen einer Salvodoreña zufolge, ist es nichts Besonderes, dass sie jahrelang ein Schutzgeld für ihren Sohn zahlen musste, welcher auf dem Schulweg den Stadtteil einer verfeindeten Gang durchqueren musste.

Auch an den lokalen Surfern geht die Kriminalität nicht spurlos vorbei. Sie sind tagtäglich den Gangrivalitäten, Drogenhandel und Schutzgelderpressungen ausgesetzt, dabei scheint der Surfsport der Ausweg zu sein und diesen wählen viele junge Salvadoreños  mit vollem Enthusiasmus. Für die Locals ist der Surftourismus eine beliebte und vor allem die einzige Einnahmequelle geworden. So ist es nicht verwunderlich, dass sie den ausländischen Surfern gegenüber extrem freundlich gesinnt sind. Sie verdienen ihr Geld mit Surfguiding oder Surffotos, was attraktiver als der Tagesverdienst eines Angestellten ist. An den meisten Spots gibt es deshalb auch keinen Localism.

Wenn man den lokalen Surfern hier mit Offenheit, Unterstützung und Freundlichkeit begegnet, surft man in El Salvador die Wellen seines Lebens und erlebt ein Abenteuer welches man nicht so schnell wieder vergisst.

Foto von: Leonie Awad
Foto von: Leonie Awad

Ziel für Abenteurer

Wichtig ist, dass Touristen und vor allem Touristen-Regionen im Gang Machtgefüge eher unberührt bleiben und sich die vorher beschriebenen Szenarien fast ausschließlich auf die Hauptstadt San Salvador beziehen. Die meisten Touristen schließen die Hauptstadt San Salvador komplett aus ihren Reiseplänen aus. Es ist eher traurig, dass der beleuchtete Verbrechens-Hintergrund in den Medien über dem ganzen Land als dunkler Schatten hängt, dabei spielt er in den touristischen Regionen fast keine Rolle. Das Land hat ein unglaublich starkes, ökonomisches Potenzial und hebt sich durch seine ganz eigene Kultur von seinen zentralamerikanischen Nachbarn ab. Die Menschen sind so unglaublich nett, offen und hilfsbereit und die Konsistenz und Qualität der Wellen einfach einzigartig.

El Salvador, das kleinste Land Zentralamerikas, liegt eingebettet zwischen Guatemala und Honduras. Durch das tropische Klima, kann man das ganze Jahr im Bikini Surfen. Das Hinterland mit seinen geheimnisvollen Vulkanen, bietet unendlich dicht bewachsene grüne Hügelketten und ist durch das etwas kühlere Klima, durchaus reizvoll. Die Küstenregionen von El Salvador sind wunderschön mit Regenwald bewachsen und punkten mit vielen einsamen Stränden.

Foto von: Leonie Awad

El Tunco

Der Flughafen von El Salvador ist nur circa 30 min mit dem Taxi vom nächsten Surfspot entfernt und nach 16 Stunden Flug (aus München) bietet sich El Tunco als Ausgangsort an. Der kleine Ort ist extrem sicher und deshalb auch sehr beliebt bei Touristen sowie Einheimischen. El Tunco ist „Surfers Heaven“, mit drei Surfspots direkt vor der Tür lässt es sich dort gut aushalten. Der rechte Pointbreak El Sunzal ist zwar vor allem bei Longboardern beliebt, bei einem soliden Swell ist die Welle aber auch für jeden Shortboarder ein Cutback Heaven. Wer lieber eine schnelle und auch oft tubige Welle möchte, surft La Bocana, ein A- Frame vom Feinsten und Homespot von Nationalchampion und Strandschönheit Katerine Diaz! Die Welle bricht über viele Steine und ist sehr kraftvoll. Zwischen La Bocana und El Sunzal liegen La Bocanita und El Sunzalito. La Bocanita ist eine schnelle rechte Welle, direkt neben der Felsformation El Tunco. Dort kann man wunderbar die Locals bei ihren scharfen Turns und hohen Airials beobachten und dabei ein Bier an der Steinpromenade oder im Hostel La Guitarra trinken. El Tunco hat seinen ganz eigenen Flair, jeder kennt hier jeden und deshalb findet hier abends an der Steinmauer auch immer ein reger Austausch statt. Während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet, wird das Abendprogramm besprochen und sich ein Aftersurf-Bierchen genehmigt. El Tunco saugt einen förmlich auf und findet man es in den ersten Tagen vielleicht etwas zu touristisch oder zu brasilianisch (Hot Spot der Brasilianischen Surfgemeinde), so möchte man nach einigen Tagen nicht mehr hier weg. Denn vor allem wellentechnisch gibt es keinen besseren Ort: Die Wellen sind ultra konsistent und der Ort befindet sich genau in der Mitte von fast allen anderen Breaks, welche alle in verschiedenen Konditionen und bei verschiedener Swellgröße brechen. Das Dorf ist als herausragende Wellendestination bekannt und so habe ich auf dem letzten Trip auch Bethany Hamilton im Line-up gesehen.

Foto von: Samuel Gonzalez
Foto von: Leonie Awad

Der Surf

Wer das richtige El Salvador der Locals erleben möchte, begibt sich auf einen Ausflug ins benachbarte Dorf „El Tamanique“ und genießt dort die billigsten und vor allem besten Pupusas des Landes. Im Dorf wohnen viele Einheimische und an den Straßen gibt es auch einige lokale Restaurants, die verschiede Gerichte für weit weniger Geld als in El Tunco anbieten. Wenn es doch mal zu einem Lay Day kommt (kann bei mir bei insgesamt vier Trips nicht einmal vor) ist ein Ausflug zu den wunderschönen Wasserfällen nahe dem Dorf Tamanique oder dem benachbarten Vulkan Santa Ana durchaus reizbar.

Noch etwas weniger belebt und nördlich von Tunco, liegt El Zonte (circa 15 min von Tunco entfernt) der Homespot der Centeno Schwestern, die in ihren aktiven Zeiten immer die zwei ersten Podiumsplätze der hiesigen Surfcontests für sich beanspruchten. Auch wenn es nicht ganz einfach ist sein Surfboard in den meist überfüllten Bussen unterzubringen, lässt sich El Zonte wunderbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Dort lässt es sich aber auch entspannt in einem der Strandhostels wohnen und neben dem rechten Pointbreak, gibt es auch mehrere Beachbreaks. In El Zonte ist weitaus weniger los und die Welle verspricht einen langen, carvigen Ritt. Weitere 20 Minuten entfernt und weitaus weniger bevölkert, befindet sich der weltklasse Pointbreak „km 59“ und der Beachbreak „km 61“.

Km 59 bricht nach rechts über ein Steinsandgemisch und die Kulisse des einsamen Strands ist einzigartig. Weiter nördlich liegt dann Mizata, ein Beachbreak der immer ein bisschen größer ist als überall anders.

Südlich von El Tunco gibt es noch unzählige weitere Beachbreaks und auch einige gute Pointbreaks.

Foto von: Samuel Gonzalez

Punta Roca

Unbedingt surfen sollte man aber natürlich Punta Roca, den wohl beeindruckendsten Surfbreak El Salvadors und Kulisse für mehre internationale Surfwettkämpfe.

Punta Roca ist südlich von El Tunco an der Stadt La Libertad gelegen und mit dem „Chicken Bus“ in 10 Minuten zu erreichen. Ein Ausflug nach La Libertad gehört unbedingt zum Surftrip dazu! Die Kleinstadt entspricht dem typischen Zentralamerikanischen Flair: Die Hitze drängt einen förmlich zu Boden und der Staub klebt einem in den Augen, dennoch lassen einen die farbenfrohen Gewänder der lokalen Schönheiten und das Stimmengewirr spüren, dass man am Leben ist. Manchmal muss man auch einfach mal weg von den „Surfdudes und Dudetten“ und sich zwischen den Marktschreiern, Brotteigketten und den oldschool Busen durch La Libertad kämpfen. Das Highlight des Abends ist es am Pier zu chillen und durch den Fischmarkt zu schlendern, dann ein Ceviche essen und dabei vom Pier aus den Sonnenuntergang genießen.

Der wunderschöne palmenumsäumte Strand von Punta Roca, ruht friedlich hinter der pulsierenden, lauten Stadt, „La Libertad“. So friedlich geht die Welle aber nur mit erfahrenen Surfern um! Bei meinem ersten Blick auf den rechten Pointbreak verschlägt es mir fast die Sprache, bei so viel „tubeiger“ Perfektion. Die rechte Welle bricht steil, schnell und läuft sehr lange. Powervoll schlängelt sich die Welle um die Kurve, um in den verschiedenen Sections hart auf die Ufersteine zu brechen. Beim Gang zum Strand kommt mir ein Mädchen entgegen, das versucht aus dem Wasser rauszugehen und an den Strand zu gelangen. Die Weißwasserwalzen drücken sie aber immer wieder unter Wasser und schlagen ihr Board hart auf die Steine. Sogleich eilt ein halbwüchsiger Junge herbei und klettert über die scharfen, unterschiedlich hohen, extrem rutschigen Steine zu ihr rüber, um ihr zu helfen. Er schnappt ihr Board und versucht ihre Hand zu greifen, leider zu spät, als ihr Gesicht beim nächsten Mal wieder hochkommt läuft ihr Blut über Nase und Stirn. Ich entscheide mich also meinen Punta Roca Surf erstmal auf einen etwas kleineren Tag zu verschieben. Zwei Tage später erwische ich ein Zeitfenster und Punto Roca bricht klein, aber perfekt über die Steine. Mit mir im Line-up sitzen nur etwa fünf Locals, die sich bei jeder Welle, die ich surfe, freuen und mir auch die eine oder andere Welle direkt vom Peak lassen. Die Locals im Wasser sind extrem freundlich und freuen sich über jedes Mädchen mehr im Wasser! Trotzdem ist Punta Roca nicht für jeden etwas, bei größeren Swells ist immer eine Crowd im Wasser und die Welle ist extrem powervoll. Ins Line-up zu klettern und wieder rauszukommen ist dann auf jeden Fall eine echte Herausforderung. Fast jeder, der hier surft, kennt „Mama Roca“, ein Stein, der nicht bei jeder Tide zu sehen ist, aber leider dennoch oft zu spüren ist, bzw. auf einmal ohne Vorwarnung vor einem in der Welle auftaucht.

Foto von: Samuel Gonzales

Nicht immer schon liegt La Libertad mit seiner High Performance Welle so friedlich am Palmenstrand. Auf dem Weg zum Strand passiert man den alten Friedhof der Stadt, an dem sich früher die Drogenmafia getroffen hat und fast jeder kennt Geschichten von durchgeschnittenen Leashes im Line-up, aufgebrochenen Autos am Parkplatz und Macheten und Messerstechereien am Strand. Während alle anderen Surfspots wirklich ziemlich sicher sind, würde ich bei Punta Roca immer noch sehr vorsichtig sein und keine Wertsachen im Auto oder am Körper mitführen. Wer einmal Punta Roca gesurft ist, kann diese Welle wohl nie mehr aus seinem Gedächtnis löschen, die Power und Perfektion bleibt ebenso eingebrannt wie die Erinnerung an einen der kraftvollsten „holddowns“ unter Wasser, bei der man dicht an die scharfen Steine gedrückt hofft, irgendwann wieder heil und unverletzt das Tageslicht zu erblicken.

Surf, Surf und noch mehr Surf

Wer noch mehr von El Salvador sehen möchte, der braucht ein Auto oder einen der preiswerten Surfguides, um sich an die „Oriente Salvaje“ dem wilden, unerforschten Osten des Landes vorzuwagen. Die Surfbreaks dort sind über Land nicht so leicht zu erreichen und man braucht unbedingt (in der Regenzeit) ein Geländewagen oder ein Boot, um z.B. nach Punta Mango zu gelangen. Bei einem großen Swell lohnt es sich mit den lokalen Surfer von El Tunco nach Las Flores oder Punta Mango aufzubrechen. Punta Mango ist eine tubige Rechtswelle, die versteckt und unzugänglich im Hinterland liegt. Bei einem mittleren Swell kann man sich im Rancho Mango einmieten und hat die Welle tagsüber und abends definitiv für sich allein. Morgens kommen dann eventuell 1-2 Boote aus Las Flores daher geschippert und schießen unvergessliche Surffotos. Las Flores ist nicht weit Punta Mango weg von und die Welle ist eine endlos lange rechte Welle, die steile Wände und endlose Länge offeriert. Der Wind scheint der Welle kaum etwas anhaben zu können, man braucht aber auch starke Arme, um den langen Weg gegen die Strömung zurück zu paddeln. Abends sitzt man dann im einfachen Hostel Mama Cata und schaut sich im Abendlicht die Frauenfußballmanschaft von Las Flores an, die am Strand mit wilder Entschlossenheit den Ball umher wirbelt.

Absichtlich habe ich hier nur die schon mehr oder weniger bekannten Spots erwähnt. In El Salvador gibt es die ganze Küste lang sehr viele Spots, die man mit dem Auto auf eigene Faust erforschen kann. Auch werden von den Guides meist nur die hier erwähnten Spots angefahren und es gibt noch viele andere Pointbreaks, die nur selten überhaupt gesurft werden. Ich habe in El Salvador mehrere Male die Wellen nur mit 2-3 Leuten geteilt und war auch ein paar Mal ganz allein im Wasser. Die unglaubliche Konsistenz der Wellen hat mich tief beeindruckt. Die Locals wissen um ihren Schatz und möchten diesen gerne mit den Surftouristen teilen.

Foto von: Leonie Awad

Ich sitze wieder auf der Steinmauer und teile eine Flasche Rum mit den Locals von El Tunco. Die Stimmung ist ausgelassen und trotzdem lässt mich der Gedanken daran, dass dies heute mein letzter Abend in El Salvador ist, erschaudern.  Mein Trip neigt sich dem Ende zu und mit dem Ende sprudeln die Bilder in meinen Gedanken hoch: Ich denke an perfekte rechte Pointbreaks in allen Varianten, die entspannte Stimmung im Line-up, die Riesenschildkröten in Zunzal, die Delfine in Punta Mango, Pupusas für 50 Cent, der Rhythmus des Reggaetons ….jemand tippt an meine Schulter… „Quieres Popcorn??“ Es ist der kleine Junge der seinen blinden Vater am Arm führt. Der kleine Junge als eine ganz persönliche mahnende Erinnerung an mich, die andere Seite El Salvadors  nie zu vergessen. Ich kaufe zum letzten Mal eine Tüte von seinem Popcorn und nehme einen ordentlichen Schluck Rum. El Salvador, mein tropisches  WellenjuweI, I will be back soon!

Foto von: Leonie Awad