Surfen macht Spaß, Surfen tut der Seele gut und Surfen kann das Leben verändern. Diese Erfahrung haben viele Surfer gemacht und manche nutzen diesen Effekt nicht nur für ihre persönliche Entwicklung. Die Australierin Lizzie Murray ist selbst leidenschaftliche Surferin und weiß um die transformierende Kraft des Ozeans und des Sports. Deshalb gründete sie die Non-Profit Organisation „A Liquid Future“, um unter anderem mit Hilfe von Surfen in entlegenen Ecken Indonesiens den Menschen zu helfen sich selbst zu helfen und vom Tourismus zu profitieren.

Foto von: Lizzie Murray Liquid Future

Englischlehrerin, Surferin, Skifahrerin, Wettkampf-schwimmerin, Weltentdeckerin, Politikwissenschafts-Absolventin, Freitaucherin, Sprachtalent, Gründerin einer Non-Profit Organisation… Gibt es irgendetwas, das du nicht kannst? 

Haha! Du bist wirklich charmant. Ja, es gibt viele Dinge, die ich nicht kann. Viel zu viele, um sie hier alle aufzulisten, aber um ein paar Dinge zu nennen: singen, Bohnen kochen, ohne sie anbrennen zu lassen, den männlichen Verstand erfassen … Haha, Letzteres ist nur ein Spaß!

Geboren und aufgewachsen bist du zwar in England, aufgrund des Berufs deines Vaters aber durch die ganze Welt gereist, und hast auch in deinen 20ern und 30ern nicht aufgehört, die verschiedensten Länder zu entdecken. Welchen Einfluss hat das Reisen auf dich? 

Als Kind zu reisen, hat sehr viel Spaß gemacht und war etwas ganz Besonderes. Mit vielen verschieden Kulturen in Kontakt zu kommen, viele verschiedene Perspektiven kennenzulernen und all das als Kind zu erleben und zu einem Zeitpunkt zu interpretieren, an dem man noch nichts bewertet und allem offen traut, hat mich größtenteils, – das begreife ich jetzt – zu der Person gemacht, die ich heute bin. Reisen hat den Glauben in mir gefestigt, dass wir alle gleich sind, egal, woher wir kommen. Wir alle sind aus dem gleichen Stoff geschaffen. Außerdem hat das Reisen eine große Neugierde in mir entfacht, die bis heute im gleichen Ausmaß anhält.

Ich weiß, dass du an wirklich allen Orten, die in dem Film “The Endless Summer II” gezeigt werden, gesurft bist, wahrscheinlich wohl auch an allen Orten, die wir im ersten Film bestaunen durften. Wann hast du angefangen zu surfen und was bedeutet es dir, seitdem es in dein Leben getreten ist? 

Haha! Oh, ich weiß nicht, wie es mit dem ersten “Endless Summer” aussieht, aber ich glaube mich zu erinnern, dass sie nach Sierra Leone gehen, oder an die Elfenbeinküste, oder irgendwo in Westafrika. Da war ich noch nicht … bis jetzt!

In Los Angeles habe ich angefangen zu surfen. Damals war ich 24 Jahre alt, ich bin also erst relativ spät auf den Sport gestoßen. Seitdem bin ich dem Surfen quasi verfallen und ist es ein natürlicher Kompass für mein Leben geworden, der mich in Richtungen lenkt, die ich mir niemals hätte erträumen lassen oder vorstellen können. Vielleicht ist es das, was mir so wichtig an diesem Sport ist, dass er eben Seiten von uns öffnet, von denen wir nicht wussten, dass sie existieren, und wunderbare Möglichkeiten aufzeigt, die frei zur Interpretation stehen und als die verschiedensten Ergebnisse verwirklicht werden können. Surfen hat mich dazu gebracht, eine Hilfsorganisation zu gründen. Das Entfalten unserer Kreativität, die Freiheit, das Selbstvertrauen, das Surfen ermöglicht, all dies sind Dinge, die mir ungemein viel bedeuten. Surfen und das Meer sind wie zwei beste Freunde, die dir helfen, dich selbst zu finden.

Nachdem Ärzte dir mitteilten, dass sich Krebszellen in einem glücklicherweise bereits entfernten Geschwulst auf deinem Augenlid befanden, hast du dich entschieden, die Non-Profit Organisation “A Liquid Future” zu gründen. Hat es dich viel Kraft gekostet, deinen damaligen Wohnort Australien zu verlassen, um auf eine indonesische Insel zu ziehen und deinen Traum zu verfolgen? Was hast du als größte Herausforderung empfunden? 

Ich würde nicht sagen, dass es mich viel Kraft gekostet hat. Ich würde sagen, es ging mehr darum, entschlossen zu sein, etwas Mut zu haben und sich selbst, wer man wirklich ist, und was man in seinem Leben verfolgen und kreieren will, zu akzeptieren, und sich dabei nicht all zu ernst zu nehmen!

Ich spazierte am Manly Beach in Sydney auf und ab, jeden Morgen, für etwa einen Monat, und wusste dabei die ganze Zeit, welche Entscheidung ich treffen werde, aber es ging mehr darum, diese Entscheidung zu akzeptieren, falls das Sinn macht. Dann kommt irgendwann einfach der Tag, an dem du sagst: “Okay, gut. Auf geht’s!” Schließlich kann ich nicht für den Rest meines Lebens Manly Beach auf und ablaufen.

Die größte Herausforderung bestand wahrscheinlich darin, den Schritt zu gehen, mich und was mich glücklich macht, zu akzeptieren, und mir selbst klar zu machen, dass es in Ordnung ist, wenn das eben “unkonventionell” ist. Als ich mich in dieser Hinsicht gedanklich irgendwie sortiert hatte, war es einfach an der Zeit, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Du hast fünf Jahre auf den Mentawai Inseln in Indonesien gelebt. Was hat es mit dir gemacht, als Frau alleine in einem ziemlich Männer dominierten, isolierten Ort zu leben? Auf welche Weise, denkst du, hat es dich als Person verändert? 

Es hat mich als Person geöffnet. Alle Seiten von mir. Es hat mich dazu gebracht, mir selbst und meinen Fähigkeiten komplett zu vertrauen. Fähigkeiten, Instinkte, Sinne, die ich nie zuvor auf diese Weise benutzt habe. All dies wurde dadurch hervorgerufen, dass ich keine Möglichkeit zur Kommunikation hatte, in der Natur mit Einheimischen lebte und mich zu 100% auf mich selbst verlassen musste. Dadurch habe ich alles hinterfragt und bin meinem wahren Ich gegenübergetreten, was natürlich auch all meine Ängste beinhaltete. Es war als ginge ich ein Fließband rückwärts, wurde auseinandergenommen und kam dann vorwärts als komplett veränderte Version wieder heraus. Eine gradlinige Erfahrung war dies aber in gar keinem Fall! Haha.

Mein Verständnis von dem, was es bedeutet, irgendwo auf der Welt eine Frau zu sein, hat sich vertieft, sowie auch mein Mitgefühl für Mädchen und Frauen weltweit.

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die darauf brennen, etwas zu tun, was eventuell extrem erscheint und außerhalb dessen steht, was die Gesellschaft als die Rolle der Frau sieht? 

Tu es einfach, wenn es das ist, was dir deine Instinkte und dein Bauchgefühl sagen. Habe einen ungefähren Plan, den du anpassen kannst, und der flexibel ist. Dann, wenn du dich einmal darauf eingelassen hast, verlagert sich alles. Wege werden sich dir eröffnen, Menschen werden erscheinen, um dir zu helfen und Dinge werden geschehen, die du dir niemals hättest vorstellen können.

Sei bereit, zu versagen, immer und immer wieder und bleib optimistisch, denn das ist genau der Punkt, an dem die besten Dinge passieren. Ein guter Sinn für Humor trägt dich weit, sehr weit. Schnell wirst du merken, dass es viele Frauen dort draußen gibt, die nach etwas Ähnlichem streben, und zu einem großartigen Netzwerk der Unterstützung werden. Es wird niemals so sein, wie du es dir vorgestellt hast, aber darin liegt wiederum die Magie! Das Schöne daran, an sich selbst zu glauben und den Sprung zu wagen, ist, dass das Universum dich auffängt.

Deine gemeinnützige Organisation, “A Liquid Future”, nutzt Kreativität und das Meer als Mittel um zu helfen. Für Außenstehende mögen diese Begriffe für eine Non-Profit Organisation eher willkürlich erscheinen. Welches Konzept steckt hinter diesen beiden Worten? 

Oh ja, das kann ich mir vorstellen! Um zu der vorherigen Frage noch etwas hinzuzufügen: Geh öfter mal einen Schritt zurück! Wenn du etwas von deinem Herzen tust, bist du sehr schnell, sehr vertieft in dein Tun. Daher ist es wichtig, öfter mal einen Schritt zurück zu treten, und dich daran zu erinnern, dass nicht alle Menschen dich immer auf Anhieb verstehen.

Das Konzept ist es, den Einheimischen zunächst zu ermöglichen, uns offen mitzuteilen, was es ist, das sie sich wünschen, und was sie hoffen für sich zu erschaffen, in Anbetracht auf den Tourismus, der auf ihrer Insel entwickelt wird. Und zweitens ihnen die Fähigkeiten, das Wissen und die Mittel zur Verfügung zu stellen, um ihre Wünsche und Träume in die Tat umsetzten zu können. Bei all dem lernen wir gleichzeitig eben so viel von ihrer Lebensart und Denkweise wie die Gemeinde von uns.

Es ist wichtig, im Auge zu behalten, dass die Einheimischen sehr zurückhaltend sind, noch nie zuvor die Insel verlassen und keinen Zugang zu dem Internet haben. Es ist kritisch für uns ihnen bewusst zu machen, dass wir dort sind um Wissen zu teilen, nicht um ihnen etwas aufzuzwingen. Wir wollen offen zuhören und Fertigkeiten und Wissen anbieten, das von der Regierung nicht angeboten wird.

Vertrauen und offene, ehrliche Kommunikation sind die Basis. Ohne diese Basis schaffst du es bloß auf einer gewissen Ebene Einfluss zu erreichen. Für ein Langzeitvertrauen mit der Gemeinde ist diese offene Kommunikation von zentraler Bedeutung. Da wir an Orten und mit Gemeinden arbeiten, die am Meer gelegen sind, ist Surfen eine besonders effektive Aktivität, um Vertrauen herzustellen. Es ist spielerisch, geschieht draußen, an einem offenen Ort, an dem die ganze Gemeinde zuschauen und dabei sein kann. So lernen uns die Dorfältesten kennen und sehen, wie wir mit ihrer Gemeinde umgehen. Außerdem erfordert es das Vertrauen der Einheimischen in uns, in einem Element, das sie sonst im Allgemeinen fürchten, während sie gleichzeitig lernen, sich selbst zu vertrauen.

Ich habe schon immer gemerkt, dass Freundschaften, oder generell Bekanntschaften, die während gemeinsamer Erfahrungen im Freien entstehen, authentisch und stark sind. So hat es sich beispielsweise gezeigt, dass die einheimischen Jungs und Männer die Mädchen in einem ganz neuen Licht sehen und deren Anmut und Stärke erkennen, was sich positiv auf beide Geschlechter auswirkt.

Außerdem entwickeln wir als Gruppe eine Verbindung zum Ozean, welche auf den Schutz dessen führt, welchen wir mit Hilfe unserer kreativen Programme; Fotografie, Unterwasser-Fotografie, Stop- Motion-Animation, Videos, Kunst und Wandbilder angehen. Unsere Schüler erwerben zusätzliche Fähigkeiten durch Medien und Technik und mittels unserer interaktiven, kreativen Programme leiten wir Englisch ein.  Selbstentfaltung und -entdeckung sind wunderbare Wege um zu lernen, Dinge zu bewirken und um zu teilen. Sie zeigen große Effekte. Wenn es um dich und deinen Traum geht, bist du mit all deiner Leidenschaft dabei und gibst nicht so schnell auf. Wir glauben, dass ein gesellschaftlicher Ansatz, welcher übersetzbar auf Basisebene ist, absolut wichtig ist, um Probleme der Umwelt, wie deren Abbau und Klimawandel, anzugehen, und um Tourismus, entlang nachhaltiger Richtlinien, von der Gemeinde aus angefangen, nach oben hin aufzubauen und zu entwickeln.

Wir hoffen, dass unsere Schüler die Zukunft ihre Insel aktiv mit gestalten. Durch verschiedene mediale Mittel lernen wir welche Vorzüge sie in dem Schutz ihrer Meeresgebiete sehen, und erfahren ihre Ideen, die sie zur nachhaltigen Entwicklung derer als Tourismuszone haben, und wie sie diesen Tourismus dann fördern würden, um den größten lokalen und regionalen Nutzen zu erzielen.

Foto von: Lizzie Murray Liquid Future

Du bist inzwischen nicht mehr auf den Mentawais… Wo befindet sich „A Liquid Future“ derzeit und wie sieht der Tagesablauf dort aus? Gib uns doch bitte einen kleinen Einblick in die Arbeit, die ihr an einem Tag verrichtet. 

Wir arbeiten auf Morotai, in Ostindonesien. Dort haben wir unser Arbeitsteam vor Ort und wir führen unsere Action Communication Programme aus, welche Fotografie, Unterwasser-Fotografie, Kunst, Wandmalerei, interaktive und kreative Medien, Englisch, Technik und natürlich Surfen, beinhalten. Diese Programme leiten wir an drei verschiedenen Orten entlang der Ostküste Morotais. Die Entfernung beträgt maximal eine halbe Stunde von dem Dorf, in dem wir leben.

Zweimal die Woche fahren wir also zu jedem dieser Orte und führen die Programme für drei verschiedene Altersgruppen, von jungen Kindern zu Jugendlichen, bis zu Erwachsenen, durch. Je nachdem an welchem Punkt wir gerade in den Programmen sind, sind wir entweder draußen am Strand, im Dschungel, oder im Klassenraum.

Normalerweise wachen wir sehr früh morgen auf, gehen surfen, schwimmen oder Ähnliches und frühstücken danach. Der Tag beginnt mit Planen, Vorbereiten, dem Fahren zu der jeweiligen Location, dem Aufbauen, und dem Durchführen der drei Kursen von 14 Uhr bis 19:30 Uhr. Danach wird alles eingesammelt, wir begeben uns auf den Nachhauseweg, klappen todmüde zusammen und lachen uns wahrscheinlich über Irgendetwas kaputt, was im Laufe
des Tages passiert ist. Man muss sich vorstellen, dass die Straßen leer sind. Es gibt kaum Verkehr, vielleicht das ein oder andere Auto, ein paar Motorräder, und daher winkt man jedem, den man kennt. Manchmal gibt es keinen Strom, also musst du in der Lage sein, deine Pläne spontan zu ändern. Ich habe herausgefunden, dass es gar nicht so schlimm ist, denn meistens passieren genau dann die besten Dinge.

Was ist an „A Liquid Future  besonders? Warum, denkst du, ist deine Arbeit notwendig? 

Ich hoffe, wir repräsentieren Möglichkeiten. Wer bist du, was willst du tun, und was ist es, das du dazu benötigst? Lass es uns gemeinsam angehen! Wir verbringen so viel Zeit unseres Lebens damit, gesagt zu bekommen, was wir zu tun haben, wie wir dies zu tun haben, und wer wir sein sollen. Ich glaube nicht, dass dies Balance für ein Individuum, eine Gesellschaft oder unsere Umwelt bringt.

Du siehst einfach markellos aus. Was ist dein Schönheitsgeheimnis, wenn du in Indonesien den ganzen Tag auf Achse bist, Kinder in Salzwasser und Sonne unterrichtest, selbst surfst und politische Führer triffst? 

Haha! Du bist schon wieder charmant. Danke für das Kompliment. Nun ja, ich denke, wenn du von Innen leuchtest, dringt es einfach nach Außen durch.