Alica Brandt von Van Rysel über Graveln im Dunkeln, lange Distanzen und ihr erstes Overnight-Rennen beim Hamburgs Backyard Night Shift

Gravel kann vieles sein: einsame Schotterwege, lange Tage im Sattel, spontane Abzweigungen – oder ein Rennen, das erst beginnt, wenn die Sonne längst verschwunden ist. Beim Hamburgs Backryard Night Shift wird aus der nächtlichen Ausfahrt eine besondere Herausforderung: Rund um Hamburg geht es über Schotter, Asphalt und Nebenwege durch die Dunkelheit. Kein klassisches Rennen gegen die Uhr, sondern ein Abenteuer, bei dem Ausdauer, Orientierung und die richtige Ausrüstung mindestens genauso wichtig sind wie Tempo.

Auch Alica Brandt, die bei Van Rysel, inem der Sponsoren des Events, arbeitet, wollte sich dieses Gravelabenteuer nicht entgehen lassen. Eigentlich hatte sie mit einem Start beim Ultra des Hamburg’s Backyard geliebäugelt. Doch eine spontane Idee nach Feierabend führte sie schließlich zum Night Shift – und damit zu einer Nacht, die sie so schnell nicht vergessen wird. Hier berichtet sie, warum die Dunkelheit gar nicht so einschüchternd war, was auf 250 Kilometern wirklich zählt und warum sie jetzt noch mehr Gravel fahren möchte.

Fahrerin beim Hamburg Backyard Night Shift

Hi Alica, was hat dich dazu gebracht, dich für den Backyard Night Shift anzumelden?

Ursprünglich wollte ich – wie meine Kollegin Lisa – beim Ultra starten. Eine von uns musste das Event allerdings auch organisatorisch unterstützen, deshalb habe ich ihr den Vortritt gelassen. Dazu hatte ich ein paar Probleme mit der Hüftbeugermuskulatur und wusste nicht, ob ich überhaupt würde fahren können. Die Idee mit dem Night Shift kam dann ziemlich spontan während einer Feierabendrunde mit Freund:innen ca. zwei Wochen vor dem Rennen.

Bist du vorher schon Ultra-Distanzen oder andere Overnight-Events gefahren?

An einem offiziellen Rennen habe ich bisher nicht teilgenommen. Ich bin aber schon mit dem Rennrad rund um Teneriffa gefahren – etwa 265 Kilometer und 5.200 Höhenmeter. Deshalb wusste ich, dass mir weder die Distanz noch die lange Zeit im Sattel grundsätzlich Probleme bereiten würden.

Wie hast du dich auf die Herausforderung vorbereitet?

Ich habe mich vor allem auf das Setup des Bikes konzentriert: Reifen, Licht und Taschen. Gerade bei einer Nachtfahrt wollte ich sicher sein, dass alles funktioniert und ich meine Ausrüstung und Verpflegung gut unterbringen kann.

Was war deine größte Sorge vor dem Start?

Die Wasser- und Verpflegungsmöglichkeiten während der Nacht. Die letzte geöffnete Tankstelle lag bei Kilometer 90. Danach gab es eigentlich nur noch Friedhöfe, an denen man Wasser auffüllen konnte. Das hatte ich vorher noch nie gemacht und war deshalb etwas skeptisch – vor allem, was die Wasserqualität angeht.

Hattest du ein konkretes Ziel?

Nein. Ich wollte einfach ankommen und eine gute Zeit haben.

Hamburg Backyard Night Shift
Hamburg Backyard Night Shift, Gravel Rennen
Hamburg Backyard Night Shift, Gravel Rennen

Welches Bike bist du gefahren?

Ich war mit dem VAN RYSEL GCR SRAM Rival XPLR AXS unterwegs – und das Bike hat sich richtig gut geschlagen. Die großzügige Reifenfreiheit hat mir auf den ruppigeren Gravelpassagen viel Sicherheit gegeben. Ich bin mit dem Tufo Thundero HD in 44 Millimetern gefahren und hatte damit richtig guten Grip. Außerdem gab es genügend Montagepunkte für mein gesamtes Gepäck und die Wasservorräte. Gewicht und Setup haben für die Distanz perfekt gepasst. Bis auf einen Platten am Morgen lief alles problemlos – das Bike hat mich die ganze Nacht über nicht im Stich gelassen.

Was ging dir in den ersten Stunden des Rennens durch den Kopf?

An diesem Wochenende war es extrem heiß. Der für dasselbe Wochenende geplante Halbmarathon wurde wegen der Hitze sogar verschoben. Deshalb habe ich vor allem darauf geachtet, genug zu trinken und gleichzeitig noch möglichst viele Kilometer zu sammeln, solange es hell war.

Nachts durch die Landschaft zu fahren, kann magisch, aber auch einschüchternd sein. Wie hast du die Nacht erlebt?

Ich habe die Nacht wirklich genossen. Es war unglaublich ruhig und angenehm. Wir sind nachts nicht besonders schnell gefahren, haben wenig gesprochen und auch keine Musik gehört. Stattdessen haben wir einfach die Stille und die leeren Wege genossen.

Hamburg Backyard Night Shift

Wie hast du dich als Frau beim Fahren durch die Nacht gefühlt? Und wie viele Frauen waren dabei?

Für mich hat es sich überhaupt nicht besonders angefühlt, es war echt entspannt und ich hab mich wohlgefühlt. Etwa zehn Kilometer vor dem Ziel hatte ich einen Platten. Jeder, der an mir vorbeikam, hat angehalten oder zumindest gefragt, ob ich Hilfe brauche. Sogar ein Anwohner kam dazu und half mir, den Reifen wieder aufzupumpen.

Gab es einen Moment, in dem du ernsthaft daran gezweifelt hast, dass du es ins Ziel schaffst?

Meine Freundin hatte auf den ersten 30 bis 50 Kilometern ein bisschen mit der Hitze zu kämpfen. Ihre Herzfrequenz war extrem hoch und sie wusste deshalb nicht, ob sie würde weitermachen können, wenn sie sich nicht wieder beruhigt. Sobald es dunkel wurde, normalisierte sich aber alles. Wir fanden unseren Rhythmus – und ab da lief es richtig gut.

Was war letztlich die größte Herausforderung: Distanz, Schlafmangel, Ernährung, Navigation, Wetter oder etwas ganz anderes?

Eigentlich nichts davon. Auf den letzten 50 bis 60 Kilometern bekam ich etwas Rückenschmerzen im unteren Rücken und musste deshalb ein bisschen Tempo herausnehmen.

Das lag allerdings an mir selbst. Ich hatte das Bike selbst auf mich eingestellt und vor dem Rennen noch nicht besonders viele Kilometer damit gesammelt. Mein Körper war also einfach nicht daran gewöhnt, so lange auf diesem Bike zu sitzen. Die Auswirkungen vom Schlafmangel hab ich erst am nächsten Tag gespürt und war einfach total müde.

Hamburg Backyard Night Shift

Welche Rolle haben die anderen Fahrer:innen gespielt? Bist du die meiste Zeit allein gefahren?

Ich bin rund 200 Kilometer mit einer Freundin gefahren – genau der Freundin, mit der ich mich spontan für den Night Shift angemeldet hatte. Das hat richtig Spaß gemacht. Anders als beim Ultra gab es keine offizielle Teamwertung. Trotzdem war es nicht vorgesehen, dass man zwingend gemeinsam fährt. Auf den letzten 50 Kilometern haben wir uns deshalb getrennt, weil ich noch einmal eine kurze Pause vom Bike machen und das Tempo etwas reduzieren wollte.

Während des gesamten Rennens sind wir aber immer wieder auf die anderen Teilnehmer:innen getroffen. Das war gerade nachts ein schönes Gefühl. Man wusste: Wir sind hier draußen nicht allein.

Was war das wichtigste Teil in deinem Gepäck?

Genug Wasser – und meine Trinkblase.

Worauf bist du im Rückblick am meisten stolz?

Dass ich die Strecke ohne größere Probleme ins Ziel gebracht habe.

Hat das Rennen deine Sicht auf dich als Radfahrerin oder vielleicht sogar als Person verändert?

Nicht wirklich. Aber ich weiß jetzt noch mehr, dass ich Gravel fahren möchte. Normalerweise fahre ich sehr viel Rennrad und mache meine Radurlaube ebenfalls meistens mit dem Rennrad. Das möchte ich in Zukunft definitiv ändern.

Wenn du mit dem Wissen von heute noch einmal am Start stehen würdest: Was würdest du anders machen?

Ich habe mich diesmal ganz darauf konzentriert, anzukommen und eine gute Zeit zu haben. Beim nächsten Mal würde ich vielleicht versuchen, etwas schneller zu fahren – einfach um herauszufinden, wie schnell ich die Strecke schaffen könnte.

Würdest du den Backyard Night Shift wieder fahren? Und welchen Tipp würdest du Frauen geben, die zum ersten Mal ein Overnight-Gravel-Event ausprobieren möchten?

Ja, definitiv. Wenn du Angst davor hast, nachts allein unterwegs zu sein, such dir eine Freundin und macht es gemeinsam. Und vielleicht startest du zunächst bei einem Event, das nicht komplett abgelegen ist.

Hamburg Backyard Night Shift, Gravel Rennen

Quick Stop

 

Kaffee oder Energy-Gel?
Kaffee.

Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?
Sonnenaufgang.

Die härteste Stunde des Rennens?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es eine harte Stunde gab. Die ersten 150 Kilometer vergingen ziemlich schnell. Aber die letzten 100 fühlten sich an, als würden sie ewig dauern.

Ein Song als perfekter Soundtrack für deine Fahrt?
Fred again… und Jamie T – Lights Burn Dimmer.

Ein Ausrüstungsstück, auf das du auf keinen Fall verzichten wolltest?
Meine Drink Vest.

Ein Wort für den Backroad Night Shift?
Amazing.

Was ist dein nächstes großes Abenteuer?
Ich denke darüber nach, nächstes Jahr den Rift auf Island zu fahren. Und vielleicht steht auch Mallorca 312 auf dem Plan.

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