Das neue Van Rysel RCR-G: Ein Gravelbike mit Rennrad-DNA
Gravelbikes können vieles sein: gemütliche Reisebegleiter, Bikepacking-Maschinen, Alltagsräder oder ein Gefährt ins Abenteuer, bei dem man einfach irgendwo abbiegt und schaut, wohin der Weg führt. Das neue Van Rysel RCR-G schlägt allerdings eine andere Richtung ein. Hier geht es weniger darum, möglichst viel Gepäck mitzunehmen oder jeden noch so verschlungenen Trail unter die Reifen zu nehmen, sondern darum, möglichst schnell über Schotter zu fliegen – mit einer deutlichen Portion Rennrad-DNA im Carbonrahmen.
Van Rysel erweitert sein Gravel-Sortiment mit zwei Modellen, die zwar beide für gemischtes Gelände konzipiert wurden, aber unterschiedliche Ideen vom modernen Graveln verkörpern: Während das EDR-G auf Vielseitigkeit, Komfort und Bikepacking ausgelegt ist, wurde das RCR-G für kompromisslose Geschwindigkeit im modernen Gravel-Rennsport entwickelt.
Das merkt man dem Bike bereits im Stand an. Das dunkelgraue Finish der Color Raw wirkt schlicht und reduziert, die Linien des Rahmens sind clean. Keine verspielten Details, kein unnötiger Schnickschnack – stattdessen eine klare Formensprache, die ziemlich gut zu dem passt, was das RCR-G auf dem Schotter veranstaltet. Denn sobald man in die Pedale tritt, wird aus dem zurückhaltenden schwarzen Gravelbike ziemlich schnell eine kleine Rakete.
Speed und Komfort für Gravelrennen
Die Entwicklung des RCR-G begann nicht mit der Frage, wie man ein bestehendes Gravelbike ein bisschen schneller machen könnte: Van Rysel wollte ein Bike entwickeln, das schnell genug ist, um bei den UCI Gravel World Championships um den Sieg mitzufahren. Moderne Gravelrennen stellen dafür besondere Anforderungen. Durchschnittsgeschwindigkeiten von mehr als 35 km/h sind keine Seltenheit, bis zu 40 Prozent der Strecke können auf Asphalt verlaufen, gleichzeitig warten lange Distanzen von 150 Kilometern und mehr, schnelle Richtungswechsel, aggressive Beschleunigungen und technisch anspruchsvolle Schotterpassagen.
Das RCR-G ist deshalb weniger ein Bikepacking-Rad mit Rennambitionen als vielmehr ein Rennrad, das gelernt hat, mit Schotter umzugehen. Die Basis bildet das aerodynamische Know-how des RCR-R Pro, das Van Rysel mit CFD-Analysen, virtuellen Prototypen und Windkanaltests auf die Anforderungen des Gravelns übertragen hat. Ziel war es, trotz breiter Reifen möglichst wenig Geschwindigkeit zu verlieren und gleichzeitig genügend Kontrolle und Reifenfreiheit für unbefestigte Strecken zu schaffen.
Leicht, schnell und erstaunlich ruhig
Das Erste, was mir beim Fahren auffällt, ist das Gewicht. Mit rund 8 Kilogramm in Größe M ist das RCR-G Rival für ein Gravelbike super leicht, und genau dieses geringe Gewicht spürt man vor allem bei steilen Anstiegen und wenn man nach einer Kurve wieder beschleunigt.
Das Bike reagiert direkt und vermittelt vom ersten Meter an das Gefühl, dass möglichst wenig Energie zwischen Beinen und Untergrund verloren geht. Gerade auf schnelleren Schotterpassagen nimmt es zügig Tempo auf und hält es anschließend erstaunlich lange.
Der Rahmen besteht aus High-Modulus-Carbon; laut Van Rysel wiegt der Rahmen in Größe M 885 Gramm, die Gabel 417 Gramm. Die Carbon-Lagen wurden für die unterschiedlichen Rahmengrößen individuell angepasst.
Trotz der klaren Race-Ausrichtung ist die Sitzposition für mich angenehm. Sie ist sportlich, aber nicht so aggressiv, dass man nach einer Stunde beginnt, über den eigenen Rücken nachzudenken. Die Front wurde bewusst niedriger konstruiert, um eine dynamische Position zu ermöglichen, während die Gabel so abgestimmt ist, dass sie Vibrationen auf rauerem Untergrund etwas abfangen kann. Das Ergebnis ist eine schöne Mischung aus präzisem, direktem Handling und ausreichend Komfort für lange Gravelrunden.
Ein Lenker, der Tempo vorgibt
Auffällig ist auch der relativ schmale Lenker. Beim getesteten RCR-G Black misst der Van-Rysel-Lenker in den Größen XS bis M 380 Millimeter und besitzt einen Flare von zehn Grad.
Auf den ersten Blick wirkt das für ein Gravelbike ungewohnt schmal, beim Fahren ergibt die Kombination aber Sinn. Die kompakte Front passt hervorragend zum sportlichen Charakter des Bikes und vermittelt gerade auf Asphalt und schnellen Forstwegen ein sehr direktes Gefühl. Gleichzeitig bleibt das RCR-G auch bei höherem Tempo erstaunlich ruhig.
Genau diese Laufruhe hat mich überrascht: Das Bike ist leicht und reagiert schnell, wirkt dabei aber nie nervös. Statt ständig nach der nächsten Spur zu suchen, liegt es satt auf dem Untergrund und zieht seine Linie – gerade auf schnellen Abfahrten und welligem Schotter macht das richtig Spaß.
Speed, ohne darüber nachzudenken
Die Aerodynamik spielt beim RCR-G eine größere Rolle, als man es von einem Gravelbike vielleicht erwarten würde. Im Windkanal wurde das Bike bei 45 km/h mit breiten Reifen und Flaschen getestet; gegenüber der vorherigen GCR-Plattform ergab sich laut Van Rysel eine Einsparung von 8,6 Watt. Auch das integrierte Monocoque-Cockpit wurde aus der RCR-R-Plattform übernommen, weil es gegenüber einer klassischen Lenker-Vorbau-Kombination aerodynamische Vorteile bringt.
Natürlich fährt man im Alltag selten dauerhaft mit 45 km/h über Schotter. Trotzdem merkt man die Ausrichtung auf Geschwindigkeit auch bei niedrigeren Tempi: Hat man einmal Schwung aufgenommen, rollt das RCR-G sehr leichtfüßig weiter. Es fühlt sich weniger nach „Gravelbike fahren“ und mehr nach „Tempo machen“ an.
Angenehm unkompliziert: SRAM Rival AXS
Beim RCR-G Black kommt die elektronische SRAM Rival AXS E1 XPLR mit 13 Gängen und einer 40er-Kettenblatt-/10–46er-Kassetten-Kombination zum Einsatz.
Was mir dabei besonders gefallen hat, ist die angenehme Schaltcharakteristik. Die Gangwechsel funktionieren präzise und unaufgeregt. Gerade wenn der Untergrund wechselt, man aus einer Kurve heraus beschleunigt oder sich ein längerer Anstieg ankündigt, fühlt sich die Schaltung angenehm intuitiv an. Und genau das passt zum Charakter des gesamten Bikes: Es versucht nicht, mit möglichst vielen Features Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern funktioniert einfach.
Tubeless unterwegs
Das RCR-G Black rollt serienmäßig auf 45 Millimeter breiten Continental Terra Comp TLR Reifen, montiert auf den VR30-Aluminiumlaufrädern. Ich bin das RCR-G im Test tubeless gefahren – eine Kombination, die gerade bei dieser Race-Ausrichtung sehr gut passt.
Mit entsprechend reduziertem Luftdruck lässt sich der Reifen gut an unterschiedliche Untergründe anpassen, während die 45 Millimeter genug Volumen mitbringen, um auch gröberen Schotter entspannt zu fahren. Wer noch mehr Grip oder Komfort benötigt, kann das RCR-G laut Van Rysel mit Reifen bis zu 50 Millimetern fahren. Der Komfort entsteht dabei vor allem über Reifen, Gabel und die 27,2-Millimeter-Sattelstütze, während der Rahmen selbst auf direkte Kraftübertragung ausgelegt ist.
Racebike oder Gravel-Allrounder?
Die Antwort lautet ziemlich eindeutig: Racebike.
Wer ein Gravelbike sucht, das möglichst viele Taschen trägt, drei Wochen durch die Wildnis fährt und dabei noch einen halben Hausstand transportiert, wird bei einem anderen Konzept glücklicher. Das RCR-G möchte lieber schnell sein.
Für ein Rennrad ist es allerdings erstaunlich vielseitig. Drei Flaschenhalter-Befestigungen und eine Bento-Box am Oberrohr sind auf langen Rennen über 150 Kilometer durchaus sinnvoll. Die asymmetrischen Kettenstreben ermöglichen trotz großer Kettenblätter eine kurze Geometrie, und die Reifenfreiheit bis 50 Millimeter lässt genügend Spielraum, wenn der Untergrund gröber wird.
Entwickelt wurde das RCR-G über mehr als zwei Jahre gemeinsam mit den Profis des DECATHLON CMA CGM Teams. Verschiedene Prototypen und Carbon-Layups wurden getestet, bis Ansprechverhalten, Beschleunigung und Stabilität bei hohem Tempo den gewünschten Punkt erreichten.
Fazit: Van Rysel RCR-G Black
Das RCR-G Black ist ein Gravelbike für alle, die beim Wort Gravel nicht automatisch an Bikepacking denken, sondern an Geschwindigkeit, lange Anstiege, schnelle Schotterpassagen und das gute Gefühl, wenn das Bike unter einem einfach immer weiterrollt.
Mir gefällt besonders, wie unaufgeregt Van Rysel diese Performance verpackt: Das schwarze Bike sieht schlicht aus, fühlt sich leicht an und fährt sich gleichzeitig ausgesprochen souverän. Die Sitzposition ist sportlich, aber angenehm genug für längere Runden, die SRAM Rival AXS schaltet präzise und die tubeless gefahrenen 45-Millimeter-Reifen bringen ausreichend Komfort und Grip mit.
Am Ende ist es vor allem die Kombination aus Leichtigkeit, Geschwindigkeit und Laufruhe, die im Gedächtnis bleibt. Das RCR-G fährt schnell, ohne hektisch zu wirken, und direkt, ohne nervös zu werden – genau die Mischung, die man sich wünscht, wenn aus einer entspannten Gravelrunde plötzlich eine kleine persönliche Bestzeit werden soll.
Für wen? Für sportliche Gravelbiker:innen, die Wert auf geringes Gewicht, Geschwindigkeit und präzises Handling legen und ein Bike suchen, das auch auf längeren Touren angenehm bleibt. Und für alle, die bei Gravelrennen neue Bestzeiten erreichen möchten.
Das RCR-G kommt in drei Ausstattungen und Farben: Das RCR-G SRAM Rival in Raw, RCR-G SRAM Force in Green Raw und die absolute Top-Ausstattung kommt in Green Yellow oder Black mit der SRAM Red.
Facts:
Größen: XXS–XL
Gewicht: ca. 8 kg (Größe M, ohne Pedale)
Reifen: Continental Terra Comp TLR, 45 mm
Schaltung: SRAM Rival AXS E1 XPLR, 1 × 13
Laufräder: Van Rysel VR30 AL
Rahmen: High Modulus Carbon
Reifenfreiheit: bis 50 mm
Preis: ab 3.199 €
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