Leben wo andere Urlaub machen – das ist der Traum vieler, besonders vieler Surfer, die ihr landlocked Dasein nur allzu gerne gegen das Leben am Meer eintauschen würden. Es gibt viele Möglichkeiten sein Zuhause am Ozean einzurichten, für Heidi von meerdavon und ihrem Mann Chris war das aber noch nicht genug. Sie gehen einen Schritt weiter und ziehen als digitale Surfnomaden von Surfspot zu Surfspot und schlagen dort temporär ihre Zelte auf. Für Heidi begann alles mit ihrem Blog meerdavon, der sich an deutschsprachige Surferinnen richtet und diese mit Tipps und Infos zu Ländern, Technik und ihrem Alltag als Surferin versorgt. Inzwischen ist sie für mehrere Online Unternehmen tätig und lebt ihren Traum vom Leben am Meer.

Foto von: Minh Duc Hua

Hallo Heidi, seit 2 Jahren reist du nun als digitale Surfnomadin um die Welt und arbeitest von unterwegs. Angefangen hat alles mit deinem Blog „meerdavon“.  Aus welchen Beweggründen hast du den Blog gegründet und wie hat er sich inzwischen entwickelt?

Meerdavon ist als mein Herzensprojekt entstanden: Wenn man gerne reist, surft und schreibt, ist so ein Blog natürlich eine super Sache zum Austoben! Ein Meereskind bin ich eigentlich schon immer, denn ich fühle mich am Ozean am wohlsten. Dort komme ich runter, lebe gesünder und bin insgesamt viel kreativer und glücklicher. So richtig wurde mir das aber erst bewusst, seit ich vor ein paar Jahren mit dem Surfen begann. Ich stand das erste Mal in Portugal auf einem riesigen Softtop-Board, hatte null Plan und trotzdem eine verdammt gute Zeit. Seitdem ging es jeden Urlaub aufs Brett, doch trotzdem war die Zeit am Meer gefühlt immer zu kurz und das Heimkommen in den wellenlosen Alltag schwer. Meinem Mann Chris ging es ebenso.

Meerdavon wurde genau aus dieser tiefen (Sehn)Sucht nach dem Meer geboren! Damals neigte sich mein Surfurlaub auf Sri Lanka gerade dem Ende zu und ich wollte den Surf am liebsten irgendwie mit nach Hause nehmen. Mich über die kommende Zeit an Land hinwegtrösten… Also begann ich, über Surfen und Reisen zu schreiben. Anfangs nur sporadisch neben meinem Angestellten-Job, später recht intensiv. Dazu hat natürlich die Tatsache beigetragen, dass Chris und ich vor 2 Jahren Deutschland verlassen haben und seitdem als digitale Surfnomaden immer in der Nähe von Meer unterwegs sind.

Heute ist meerdavon einer der größten Surf & Travel Blogs in Deutschland und bekommt sehr viel Zuspruch. Das macht mich natürlich stolz! Mittlerweile sind wir zu einer Community für Surfer aller Level geworden, die sich bei uns z.B. Reisetipps, News aus der Surfszene und ihre tägliche Dosis Meer abholen – oder sogar selbst darüber berichten.

Mit welchen Schwierigkeiten hattest du anfangs zu kämpfen? 

Anfangs fand ich es schwierig, ins Bloggen rein zu kommen und einen eigenen Stil zu finden. Zwar habe ich früher schon geschrieben, aber eben wissenschaftliche Arbeiten in meiner Zeit als Dozentin und Doktorandin an der Uni. Solche Texte sind natürlich viel trockener und ernsthafter als ein locker-flockiger Blogbeitrag! Erst dachte ich, stilistisch von mega-seriös auf ultra-gechillt wechseln und alles von mir preisgeben zu müssen. Doch das ist Quatsch! Jeder Blogger hat seinen eigenen Style.

Ansonsten war es zu Beginn schwer, genug Zeit zum Schreiben zu finden. Denn die ist für gute Texte nötig, gerade wenn man perfektionistisch veranlagt ist. Naja, und WordPress für den Aufbau meiner Website war erstmal ein Buch mit sieben Siegeln. Das kann man aber alles lernen oder sich Leute suchen, die wissen wie es geht. Danke Chris!

Was sind deine Aufgaben bei dem Blog?

Eigentlich fast alles! Ich verbringe viel Zeit mit dem Schreiben eigener Texte bzw. dem Editieren von Gastbeiträgen sowie der Auswahl und Bearbeitung von Bildern. Hinzu kommt die Betreuung der Social Media Channels und die Zusammenarbeit mit Partnern wie Surfcamps, Surfmedien, Brands und Event-Veranstaltern. Und mein Mann Chris unterstützt mich bei technischen Fragen und der Buchhaltung. Die schönste Aufgabe ist aber natürlich, regelmäßig surfen zu gehen

Wie kann man mit einem Blog Geld verdienen und wie schwierig ist das tatsächlich?

Grundsätzlich kann man mit einem Blog Geld verdienen, indem man ihn als Kanal nutzt, um eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen. Zum Beispiel für den Verkauf von analogen und digitalen Produkten oder Services. Wir haben etwa zusammen mit Zealous schon eine kleine Surf Bikini Linie verkauft; andere Blogger bieten bedruckte T-Shirts an, Surf- und Yoga Retreats oder E-Books für Surfreisen. Es gibt also vielfältige Optionen. Beliebt sind Affiliate-Einnahmen die du als Provision bekommst, wenn Leser im Blog empfohlene Dinge von Dritten kaufen. Außerdem wird man ab einer gewissen Reichweite für Partner interessant, die Werbedeals umsetzen wollen.

Doch, und nun kommt das große Aber: Mit dem Bloggen Geld verdienen und davon leben zu können sind zwei verschiedene Dinge! Nur wenige und sehr bekannte Reiseblogger können mit Blog Business wirklich den Lebensunterhalt bestreiten. Sie sind jahrelang dabei, haben einen langen Atem bewiesen und Hunderttausende Leser. Ich kenne bisher aber keinen Surfblogger, auf den das zutrifft. Die meisten von uns arbeiten noch in anderen Online oder Offline Jobs, um ihre Brötchen zu verdienen. Mit etwas Kreativität lässt sich so aber trotzdem ein ganz akzeptables Lebensmodell basteln.

Du arbeitest an mehreren Projekten, haben die auch mit Surfen zu tun und wie viel Zeit beansprucht der Blog davon?

Mein Mann Chris und ich sind ein eingeschworenes Onliner-Unternehmer-Pärchen und betreiben mehrere Projekte. Unter anderem verkaufen online wir unter der Marke Happy Coffee direkt gehandelten Bio-Kaffee aus verschiedenen Anbauregionen. Dazu gehört ein großes Online Kaffeemagazin, über das wir viel organischen Traffic bekommen. Dafür bin ich zuständig und übernehme außerdem Social Media Aufgaben. Kaffeetrinken oder Frühstücken, ohne vorher davon Instagram-Bilder zu schießen, geht quasi nicht mehr 😉 Happy Coffee und meerdavon sind genug, um eine normale Arbeitswoche zu füllen, wobei ich meine Zeit ungefähr hälftig zwischen beidem aufteile.

Welche Vorteile hat es, Bloggerin zu sein? 

Man lernt unglaublich viel dazu! Noch vor zwei Jahren hatte ich beispielsweise von Online Marketing überhaupt keine Ahnung und musste mir alles durch Learning per Doing aneignen. Das fordert die grauen Zellen und macht Spaß!

Doch für mich das Allerschönste – neben dem Schreiben – ist der Kontakt zu anderen Menschen. Ich quatsche von Natur aus gern Andere an und weil ich als Surf-Bloggerin viel reise, lerne ich noch mehr coole Menschen aus aller Welt kennen. Mit manchen haben sich echte Freundschaften entwickelt. Doch auch das Bloggen selber führt mich mit Personen zusammen, die ich sonst wahrscheinlich nie kennengelernt hätte. Zum Beispiel, wenn ich bei der Themenrecherche neue Kontakte knüpfe, oder weil mir Leser schreiben. Übrigens surfen von denen nicht alle: Letztens schrieb mir eine Mama, die sich auf meerdavon über den Reisehunger unserer Generation und einige Surfdestinationen informiert hat – weil ihre Tochter selbst gerade länger unterwegs ist. So etwas berührt mich schon sehr!

Welche Eigenschaften braucht man als digitale Nomadin? Ich kann aus Erfahrung sagen, dass arbeiten und reisen nicht immer einfach ist… 

Egal ob digitales Nomadentum oder der Angestelltenjob auf Lebenszeit: Es gibt nicht das eine Modell, das zu jedem passt. Wer Reisen und Arbeiten kombinieren will, entscheidet sich ein stückweit gegen Stabilität und für das Abenteuer. Das erfordert schon etwas Mut. Man muss es aushalten können, keinen festen Wohnsitz mehr zu haben, nur mit dem Nötigsten zu reisen, Familie und Freunde daheim eher sporadisch zu sehen und das Risiko der Selbstständigkeit zu ertragen. Improvisationstalent schadet auch nicht, da unterwegs vieles anders läuft, als man es vielleicht erwartet.

Was ebenfalls viele unterschätzen ist der tatsächliche Arbeitsaufwand und die dafür nötige Disziplin. Denn nein: Digitale Nomaden wie wir machen nicht die ganze Zeit Urlaub oder gehen surfen. Wir haben einen Arbeitsrhythmus wie andere Menschen auch, nur dass unser Office eben am Meer ist. Laufen die Wellen den ganzen Tag perfekt, ist es schon nicht einfach, trotzdem am Schreibtisch zu sitzen. Anders bekommt man aber nix gebacken – und es bleibt ja immer noch der Früh- oder Feierabend-Surf.

Hast du Tipps, wie man beim Reisen die Arbeit am besten integriert?

Such dir einen Job, der dir Spaß macht, und du wirst keinen einzigen Tag deines Lebens mehr arbeiten. An dem Sprichwort ist schon etwas dran! Ich liebe meinen Job so sehr, dass er sich meistens überhaupt nicht nach Arbeit anfühlt. Stundenzählen bis zum Feierabend oder Herbeisehnen von Urlaub? Das gehört der Vergangenheit an und ich „ackere“ gern auch mal am Wochenende. Für eine ausgeglichene Work-Surf-Balance ist ein halbwegs geregelter Arbeitsrhythmus aber schon sinnvoll. An Wochentagen arbeiten wir etwa 8 und 10 Stunden, bei schlechten Surfbedingungen mehr und bei guten etwas weniger. Und je nach Land und Jahreszeit sind wir morgens oder abends im Wasser.

Außerdem sind wir wirklich rigoros bei der Auswahl der Reiseziele, damit unser Modell aus Arbeiten und Surfen funktioniert. Sie müssen über eine Auswahl an Surfspots sowie stabiles Internet verfügen, denn ohne können wir nicht arbeiten. Offline sein auf winzigen Inseln ohne Infrastruktur geht nur kurz und im Urlaub – sonst leidet das Business.

Welche Reiseziele stehen für dieses Jahr an? 

Chris und ich sind gerade in unsere neue Homebase in Portugal gezogen. Die eine Hälfte des Jahres wollen wir hier sein und die lokalen Surfspots weiter erkunden. Und die zweite Jahreshälfte werden wir wieder weiter wegreisen. Zurzeit stehen Ostkanada, Indonesien, Sri Lanka, Japan und Taiwan ganz oben auf der Wunschliste.

Welche Tipps hast du für andere Surferinnen, die auch von einem eigenen Blog bzw. Digitalem Nomadentum träumen?

Soll dein Blog mehr als ein Tagebuch sein? Willst du damit viele Leser erreichen und ein Business betreiben? Dann sind mehrwertstiftende Texte, ein professioneller Auftritt, SEO und Online Marketing ein Muss. Dennoch wird es zwei bis drei Jahre dauern, um nennenswerten Traffic zu erzielen. Ganz wichtig: Bedenke, dass ein Blog selbst nur ein Kanal ist, um Menschen zu erreichen. Geld kommt nur mit einem dahinterstehenden Geschäftsmodell rein, also z.B. dem Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen. So etwas aufzubauen kostet aber viel Zeit. Es lohnt sich also, neben dem Bloggen über konkrete Einnahmequellen nachzudenken und auf verschiedene Pferde zu setzen.

 

www.meerdavon.com

Foto von: Teardrop Surf