Ein Surfcamp für Frauen ab 60 –

Manchmal brauchst du etwas Mut, um was Neues auszuprobieren

Mit Mitte 60 noch anfangen zu Surfen? Wieso nicht! Marlies lebt in der Schweiz und hat ihren ersten Surfkurs mit 65 gemacht. Eine Woche lang war sie mit anderen „Goldies“ in den Wellen Galiziens unterwegs. Wie ist das, im fortgeschrittenen Alter etwas völlig Neues auszuprobieren? Und welche Voraussetzungen muss man mitbringen? Marlies und ihre Surflehrerin Angie berichten.

Ältere Surferin

Goldies Surf Gang

Das erste Mal auf einem Surfboard – wie war das für dich, Marlies?

Marlies: Ich hab das Gefühl noch genau in mir, wenn du merkst: Die Welle trägt dich. Das fand ich genial. Diese Kraft der Natur. Du musst gar nichts tun, bist einfach auf dem Wasser, auf dem Brett, und fließt dahin. Genial.

Du strahlst übers ganze Gesicht, wenn du davon erzählst.

Marlies: Ich liebe halt das Wasser. Das Meer ist für mich das A und O. Wir waren mit den Eltern früher oft am Meer. Mein Vater hat mich immer mit in die Wellen genommen und ist mit mir durch getaucht. Ich denke, das war schon immer auf meiner Bucketlist, dass ich das Surfen wenigstens mal ausprobiere. Und manchmal braucht man dann einfach Mut und Neugier etwas zu testen, was man noch nie im Leben gemacht hat.

Angie, du hast letztes Jahr in Galizien ein einwöchiges Surfcamp speziell für Ü-60-jährige Frauen angeboten. Neben Marlies waren noch vier weitere „Goldies“ dabei. Wieso brauchte es so ein Camp?

Angie: Es gibt sehr viele Surf-Angebote – weltweit, europaweit – auch hier auf Fuerteventura. Für ganz unterschiedliche Alters- und Budgetgruppen. Vom Partycamp bis hin zum Intensivcamp. Die Gruppe, die rausfällt, sind ältere Menschen. Und ich hatte einige Schüleri:innen, deren Eltern gesagt haben: ‚Boah, das würden wir auch gern mal ausprobieren. Wieso machst du nicht mal was für uns?‘ Und so ist ein bisschen die Idee daraus entstanden.

Was ist für dich anders, wenn du Menschen im fortgeschrittenen Alter unterrichtest?

Angie: Klar hat ein 15-jähriges Kind ganz andere körperlichen Voraussetzungen als jemand im fortgeschrittenen Alter. Aber Surfen lernen ist ja der gleiche Prozess: Man geht zum Strand, erklärt das Meer, das Surfboard. Und die ersten Übungen sind in allen Altersgruppen dieselben. Gleichzeitig bereite ich mich natürlich auch auf die Schüler:innen vor.

Inwiefern?

Angie: Mein Ansatz zu unterrichten ist, dass jede Person individuell behandelt wird. Ich überlege mir: Wie gehe ich zum Beispiel damit um, wenn Schüler:innen im höheren Alter Rückenprobleme haben? Wenn die Kraft fehlt, oder der Mut? Man hat ja viel mehr Lebenserfahrung. Dinge, die einem passiert sind. Ich war aber komplett positiv überrascht: Alle meine PlanBs, die ich mir so zurechtgelegt hatte, habe ich eigentlich gar nicht gebraucht, weil die Frauen wirklich fit waren.

Was machst du sonst so für Sport, Marlies?

Marlies: Ich mache Yoga, gehe viel zu Fuß. Im Sommer wandere ich, im Winter mache ich Langlauf. Und ich schwimme. Ich bin ein Bewegungsmensch und brauche die Bewegung. Aber nach der Surfwoche war ich trotzdem nudelfertig.

„Nudelfertig“??

Marlies: (Lacht) Ja, wir sagen „nudelfertig“. Also ziemlich platt.

Ältere Surferin
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Surfen als Therapie

Was sollte man den körperlich und mindset-mäßig mitbringen, wenn man im höheren Alter noch anfangen will mit Surfen?

Angie: Bock! Also Bock, was Neues auszuprobieren. Eine gewisse Neugier, so wie Marlies auch gesagt hat. Klar hilft es auch, wenn man aktiv und sportlich ist. Übrigens nicht nur, wenn man Ü-60, sondern auch wenn man Ü-20 ist. Aber das Sportliche ist für mich keine Grundvoraussetzung. Richtig angeleitet ist Surfen für alle Menschen möglich. Davon bin ich überzeugt.

Marlies sagt, sie liebt das Wasser, hatte keine Angst im Meer. Ist das eine Grundvoraussetzung?

Angie: Also alle Teilnehmerinnen hatten ihre eigenen Themen. Und wir hatten eine Teilnehmerin dabei, da war das Meer nicht gerade ihr Freund. Ihre größte Herausforderung war es, das Meer ihren Freund werden zu lassen. Also nicht so sehr das Surfen, sondern der Umgang mit dem Meer. Sie hat sich super geschlagen, ist immer wieder aus ihrer Comfort-Zone raus. Und da geht mein Herz als Surfcoach so richtig auf. Wenn ich sehe, dass jemand aus seiner Komfortzone rausgeht und das, was auch immer außerhalb davon liegt, dann meistert. Dieses Strahlen auf dem Gesicht, dieses ‚Shit, ich habs geschafft!‘ Das ist glaube ich einer der geilsten Momente.

Wie liefs dann mit dem Surfen in der Woche für dich, Marlies? 

Marlies: Also angefangen habe ich liegend, das war schon super. Damit war ich schon ziemlich happy.  Das Ziel war natürlich schon, dass ich auf dem Surfboard stehe. Das habe ich nicht geschafft. Ich glaube, ich kam mit einem Knie hoch und mit einem Bein so gebeugt. Und erstaunlicherweise war ich aber gar nicht so frustriert. Allein das Gefühl, wenn die Welle dich trägt, hat mir wirklich sehr sehr gut gefallen.

Frauen am Strand

Mit welchem Gefühl bist du wieder nach Hause gefahren?

Marlies: Ich war stolz auf mich, auch wenn ichs nicht mit beiden Füßen auf Brett geschafft habe. Ich hatte irgendwie eine Grundzufriedenheit, kam völlig entspannt und zufrieden nach Hause zurück.

Angie, ihr habt das „Goldies“-Surfcamp im Rahmen eurer Arbeit mit „NOMB-Changes“ veranstaltet. Eine Surf-NGO, die du mitgegründet hast. Was ist die Idee eurer Arbeit?

Angie: Die Surf-NGO ist daraus entstanden, dass ich in meiner Arbeit als Surfcoach gesehen habe, was Surfen alles Positives mit Menschen machen kann. Wir nutzen den Surfsport, um positive Veränderungen bei einzelnen Menschen, in der Gesellschaft, aber auch in der Umwelt zu bewirken. Und das „Goldies“-Surfcamp passte da total rein. Unsere Idee war es, einen sicheren Raum für Frauen im höheren Alter zu schaffen, die das Surfen ausprobieren wollen. Denn Surfen ist ja trotzdem immer noch ein Extremsport.

Du hast schon gesagt: Es gibt richtig viele Surf-Angebote. Wenn man jetzt im höheren Alter auch anfangen will zu surfen. Wie findet man eine passende Schule oder ein passendes Camp?

Angie: Wenn man auf der Website einer Surfschule sieht, dass sie auch im Parasurfbereich aktiv ist, dann ist das zum Beispiel ein gutes Zeichen. Dann ist ein Grundverständnis dafür da, dass es verschiedene Anforderungen bei Schüler:innen gibt. Und je individueller Unterricht ist, desto besser. One-to-One mit einem ausgebildeten Lehrer ist natürlich super.

Surfcamp für Ältere, Surfen Ü60

 

Aber auch eine Kostenfrage…

Angie: Klar. Ansonsten kann man wirklich auch auf kleine Gruppengrößen achten. Sich vielleicht eine kleinere, familiengeführte Surfschule raussuchen, die mit Gruppengrößen von 4-5 SchülerInnen arbeiten.

Marlies, du hast mir verraten, dass du Tagebuch geschrieben hast auf dem Surftrip. Ich weiß, es ist geheim, was drin steht. Aber verrätst du ein mini bisschen was darüber, was übers Surfen drin steht?

 Marlies: (Lacht) Dass ich das sicher nochmal machen werde.

NOMB Changes

Angie Ringleb kommt aus Essen und lebt seit vielen Jahren auf Fuerteventura, wo sie ihre eigene Surfschule NOMB Surf betreibt. Mit ein paar Freundinnen hat sie 2021 die NGO „NOMB Changes“ gegründet.
Ihr Motto: „We believe in the positive impact of Surfing”.

Mehr Inspiration rund ums Surfen findest du in unserer aktuellen Surfausgabe: 

Golden Ride Magazine Surf Issue

Between Waves

 

Diese Ausgabe nimmt dich mit ans Meer. Inspirierende Frauen erzählen von ihren Erfahrungen zwischen und auf den Wellen. Begleite Lauren Hill auf einen Bootstrip auf die Malediven, definiere deine Komfortzone auf den Mentawaiis, lasse die Familie daheim und gönne dir Me-Time in Mexiko, entdecke die Surfkultur Kaliforniens und lerne, wie du besser in vollen Line-ups zurecht kommst.