Endless Summer zwischen staubigen Trails und kalten Wellen

Es ist noch früh morgens, die Landschaft versteckt und eingehüllt in Schnee, kaum messbare Temperaturen – da fällt mir der Abschied nicht schwer. Mit meinem Fahrrad im Gepäck mache ich mich auf den Weg zum Flughafen nach München, um dem Winter zu entfliehen. Als leidenschaftliche Mountainbikerin begebe ich mich auf die Suche nach staubigen Trails im Winter, der warmen Sonne, Zeit für mich, um das aufregende Jahr hinter mir zu lassen, Eindrücke zu sammeln und mich inspirieren zu lassen. Mein Ziel: Madeira.

Bereits zum zweiten Mal bereise ich diese beeindruckende und vielseitige Insel mit dem Mountainbike. Auch dieses Mal hat es mich in das kleine Dorf Jardim do Mar im Kreis Calheta, im Südwesten der Insel, verschlagen. Im Schutz der Berge und des Meeres hat sich diese kleine Gemeinde mit seinen knapp 200 Bewohnern die beschauliche Ruhe der guten, alten Zeit bewahrt. Alte und enge Gassen enden über gefühlt unzählig vielen Stufen an der Promenade von Jardim do Mar und jedes einzelne Haus erzählt seine eigene Geschichte. Charme ist es, was diesen Ort so speziell macht – und das schöne Wetter.
Biken auf MadeiraFoto von: Monica Gasbichler

Ist es in Funchal, der Hauptstadt von Madeira, regnerisch und unbeständig, bleibt es in Jardim do Mar meist sonnig und trocken. Mitten im Dorfleben, in dem man sich morgens mit „bom dia“ begrüßt und abends mit „boa noite” verabschiedet, tummeln sich zwischen Kultur und vielen Generation neben uns Mountainbikern auch zahlreiche Surfer. Aufgrund der prägnanten Lage im Atlantik gehört Jardim do Mar mittlerweile zum Treffpunkt der internationalen Surf-Gemeinde, was dieser kleinen Ortschaft ein ganz spezielles Flair verleiht. Aber genug geschwärmt von diesem Ort.

Biken auf MadeiraFoto von: Monica Gasbichler

Der perfekte Winterescape

Madeira bietet ein großes und vielseitiges Netz an Mountainbike-Trails. Aufgeteilt in unterschiedliche Regionen findet man auf der ganzen Insel verteilt verschiedenste Ansprüche, Streckengegebenheiten und genügend Abwechslung. Was ich sehr bemerkenswert finde, ist die Pflege der Trails. Hier wird zusammengeholfen. Auf der Insel gibt es verschiedenste Shuttle-Unternehmen, welche sich unabhängig voneinander um die Instandhaltung der Trails kümmern, ebenso auch Vereine und Privatpersonen. Um richtig auf seine Bike-Kosten zu kommen, sollte eine gewisse Grundlage an Fahrkönnen vorhanden sein. Als blutiger Anfänger bewegt man sich hauptsächlich auf Forstwegen und sehr ausgewählten Trails. 

Besitzt du Singletrail-Erfahrung und warst schon des Öfteren in einem Bikepark, dann bist du hier genau richtig. Grundsätzlich macht es Sinn sich mit einem Shuttle-Unternehmen auf den Weg zu machen. Nicht nur, weil sich diese 1a auf der Insel auskennen und hoch motiviert sind dir jegliche Facetten an Trails zu zeigen, sondern auch weil es mal schön ist sich um nichts kümmern zu müssen und die Planung anderen zu überlassen – Urlaub eben. Ich schreibe immer von Shutteln. Natürlich kann man auch selbst hoch pedalieren. Trittst du gerne auf Passstraßen hoch und hast viel Zeit für die Transfers zwischen den Abfahrten, dann feel free. 😉

Foto von: Monica Gasbichler
Foto von: Monica Gasbichler
Foto von: Monica Gasbichler
Und so erwarten mich knapp zwei Monate auf dieser Insel. Jeremy von „Bikulture“ ermöglicht mir diese Zeit bei sich in Jardim do Mar zu verbringen. Ziemlich praktisch für mich, da meine Bike-Tage immer direkt von der Haustür aus starten. Keine zehn Autominuten entfernt hat er seinen Shop, welcher Ausgangslage für jeden Shuttle-Tag ist. Prazeres heißt die Ortschaft, am Fuße der Berge. Und dann wird aufgeladen in das so genannte „Mothership“, wie sie es liebevoll nennen. Es gleicht einem Pickup mit größerer Ladefläche und wesentlich mehr Sitzgelegenheiten. An vollen Shuttle-Tagen ist neben Fahrer und Guide Platz für acht weitere Mountainbiker. Auf dem Weg in die Berge wird mir zum erneuten Male bewusst, wie schön diese Insel ist. Über dicht bewachsene Eukalyptuswälder, deren Geruch man übrigens auch beim Biken wahrnimmt, bis hin zur komplett von gelben Blütengewächsen übersäte Landschaft, zeigt sich die Insel wie erwartet von ihrer schönsten Seite.
Gerade im Winter ist es hier sehr grün. Apropos gelbes Blütengewächs: Carqueja [carkescha] heißen sie auf Portugiesisch, sehen schön aus, tun aber richtig weh! Eine kleine Berührung reicht, z. b. wenn man mit dem Bike an diesen Sträuchern vorbeifährt, dass du einen kleinen Stachel in der Haut stecken hast. Äußerlich sieht man in erste Linie nur einen winzigen Punkt, drückt man aber darauf, schmerzt es höllisch. Und wenn man diesen kleinen Schlingel rausdrückt, erscheint plötzlich ein 3-5mm langer Dorn. Verrückte Pflanze, aber sie zieren wunderschön die Berglandschaft von Madeira.
The Flow SurfbuchFoto von: Monica Gasbichler

Eine vielseitige Insel

Die Trails rund um Prazeres und im Westen der Insel gehören mit zu meinen Lieblings-Trails. Hier gibt es neben Flowtrails und schnellen Singletrails mit vielen Wurzeln und Anliegern auch ruppige Steinfelder und teils Downhill ähnliche Strecken. Oben ausgesetzt über schmale Trails, wo hier und da mal eine Kuh weidet und immer der Blick auf das Meer möglich ist, taucht man ab der Mitte in Eukalyptuswälder ein. Wer kann schon behaupten im Januar/Februar staubtrockene Trails gefahren zu sein? Ist es hier ein paar Tage trocken, kann es schon ganz schön stauben. Doch wenn es regnet, kann die Erde wie Schmierseife sein, so genanntes „Madeira-Eis“ oder „Blackice“. Aber keine Sorge, dafür hat man ja einen Guide dabei, um an bekannten Stellen eine kleine Vorwarnung zu bekommen.

Im Vergleich zum Westen der Insel sind die Trails im Osten verblockter und technischer. Klar gibt es hier auch einfache Trails, aber grundsätzlich ist hier mehr Geschepper angesagt. Aber genau das ist ja das Spannende auf der Insel: Es herrschen eine Vielzahl an unterschiedlichsten Trail-Charakteren. Hier im Osten findet man neben Urwäldern auch komplett mit Moos bewachsene Bäume, mystisch vor allem dann, wenn noch Nebel durch den Wald zieht. Wie oft habe ich hier schon von verschiedensten Leuten gehört: „Hier sieht es aus wie…?“ – „…ja genau, wie auf Madeira.“  😉

In der Mitte der Insel herrscht wieder ein ganz anderer Charakter. Steht man auf Abenteuer, gibt es ein absolutes Highlight – ich sag mal so, das Highlight wartet am Ende der Tunnel. Ausgestattet mit Stirnlampe taucht man circa eine halbe Stunde in drei aufeinander folgende Tunnel ein. Ein schmaler Weg, bei welchem man teils sein Bike schieben oder auch tragen muss, bringt uns entlang der Levadas (Levadas befördern das Wasser aus niederschlagsreicheren Gebieten im Norden und im Zentrum der Insel zu den landwirtschaftlichen Anbaugebieten im Süden) an einen Trail, der jedes Mountainbiker-Herz höher schlagen lässt. Der Einstieg ist steil mit engen Kurven und dann geht’s los: Bei frischem Waldboden, der bei jeder Kurve nur so vom Hinterreifen spritzt, bewegst du dich mit Vollspeed durch eine Art Murmelbahn, von der du nicht auskommst. Ein Traum. Ich erinnere mich noch an den Satz unseres Guides Claudio, als ich ihn das erste Mal gefahren bin: „Bad news, gang. This is the end of the trail.“ – da muss ich direkt wieder Schmunzeln.

Foto von: Rainer Gluesing
Foto von: Monica Gasbichler

Die ganze Story über Biken auf Madeira findest du in der Bike Issue 2021!

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