Aspen – Freeriden im Land der Ute Indianer

Aspen – das ehemalige sommerliche Jagdgebiet der American Indians vom Stamm der Ute ist heute ein bekanntes „Jagdrevier“ für Promi-Sucher und Powdersüchtige. Freerider erfreut das schneereiche Klima und die vielen Sonnenstunden, aber vor allem die steilen, unpräparierten Abfahrten mitten im gesicherten Skigebiet. Nur eines muss man länger suchen – die American Indians. Beim Snowboarden mit Skyler Lomahaftewa, dem einzigen Ute  (sprich: Juthe) Tribal Member, der noch in Roaring Fork Valley wohnt, erfahre ich mehr über Freeriden in Colorado und das Leben der Indianer heute.

Ich habe nach Abwechslung gefragt und bekomme jetzt alles auf einmal: Eine steile, enge Rinne mit hüfthohen moguls, wie sie die Buckel hier nennen, beginnt zu meinen Füßen. Eine lässige Spielwiese, nicht etwa abseits, sondern mitten im Skigebiet! Zwischen den breiten, perfekt präparierten und leeren Pisten am Aspen Mountain, der quasi „im“ Ort beginnt, ist immer wieder solch ein extrem terrain zu finden. In den Alpen wäre das eindeutig Backcountry. Mein Snowboardguide Skyler führt mich auf einen Bergrücken, rechts unter uns liegen das Örtchen Aspen, links durch die Birkenähnlichen Espen sehe ich die Hügel Colorados. Trainers Ridge heißt der Hang mit mehreren Couloirs. Ich kann mir vorstellen wie traumhaft der Tree Run bei Tiefschnee ist, jetzt heißt es moguls jumpen. Trotzdem habe ich meinen Spaß und komme strahlend unten an.

Kurz darauf sitzen wir im Lift No. 1 , der diese Bezeichnung absolut verdient. Schließlich lief an dieser Stelle 1947 einer der ersten Sessellifte der Welt – mit jeweils nur einem Sitzplatz und 45 Minuten Fahrdauer. Was die Skitouristen, darunter damals schon Hollywood-Stars wie Gary Cooper und Ingrid Bergmann, als Luxus empfanden. Schließlich gab es alternativ bis dato nur die Waggons der Silberminenarbeiter. Der ganze Berg ist durchzogen von Tunnel zum Abbau des Edelmetalls, dessen Funde in den 1870er Jahren zum ersten Boom des Örtchens führten – und zur Vertreibung der ursprünglichen Bewohner, der Ute Natives. Sie hatten bis dahin große Teile Colorados und Utahs besiedelt, daher auch der Name des Staates Utah.

 

Indianischer Snowboard-Guide

„Und Du bist der einzige in Aspen?“ Erstaunt schaue ich Skyler an, der mit seinen langen geflochtenen Zöpfen und dem dunkleren Hautton eindeutig als Indianer erkennbar ist. Auch der ruhige Gesichtsausdruck und die selbstsicheren Bewegungen passen ins Bild – das natürlich von Karl May geprägt ist. Skylers indianischer Name ist übrigens Kaahu Kwa-hu und bedeutet Adler. Aber nein, er trägt keine Lederkluft, sondern Snowboardklamotten. „Ja, ich bin der einzige hier vom Stamm der Ute Natives, die anderen leben in dem rund vier Autostunden entfernten Reservat.“ Skyler war gemeinsam mit anderen Natives vor sechs Jahren einer Initiative der Aspen Ski Company und der Aspen Ute Foundation gefolgt, die zum Ziel hat, den American Indians den Wintersport in dem reichen Skiort zu ermöglichen und ihnen Jobs zu verschaffen. Er begann im Liftservice und ist inzwischen als Snowboardlehrer und Feuerwehrmann tätig. Seine Frau ist vom Stamm der Shoshone und arbeitet im Krankenhaus von Aspen.

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Pussy Foot is ungroomed – hä?

Wir überlegen, welche der Routen wir als nächstes fahren. In den vier Aspener Skigebieten ist ALLES ausgeschildert. Die Strecken tragen so kreative Namen wie Last Dollar, Moment of Truth oder mein Favorit: Pussy Foot. Skyler erklärt mir das Prinzip: „There’s groomed, ungroomed and extreme terrain“, also präparierte Pisten, Strecken, die niemals präpariert werden und anspruchsvolles Off-Piste Terrain. Konkret bedeutet das: Jedes der Gebiete Aspen Mountain, Highlands, Buttermilk und Snowmass ist mit Hilfe eines Seils als Ski Area Boundary eingefasst und innerhalb des Areals kann man snowboarden, wo man will. Auch in dem bis zu 48 Grad steilen extrem Terrain, da lacht doch das Freerider Herz! Theoretisch kann man also auf ABS und LVS verzichten, was die Amerikaner innerhalb der Boundary auch tun, ich fühle mich aber trotzdem wohler mit Ausrüstung.

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Ungewöhnliche Methoden zum Schutz vor Lawinen

Welche Möglichkeiten dieses Prinzip erschließt, durfte ich am nächsten Tag erleben: Mit dem kostenlosen Skibus fahren wir die rund 20 Minuten zum Gebiet Aspen Highland und sehen schon von weitem das berühmte Bowl. Der Berg Highland Peak (3774 Meter) bildet mit seinem gut begehbaren Rücken eine riesige Schüssel, deren Hänge mit zwischen 35 und 48 Grad steilen Abfahrten locken. Auch dieses Bowl liegt innerhalb der Ski Area Boundary, doch wie kann das gesichert sein? Ich frage Mountain Manager Richard Burkley, als wir mit dem Lodge Peak Lift die Station der verantwortlichen Ski Patrol erreichen, in deren Nähe der Aufstieg zum Bowl beginnt.

Burkley erklärt: „Wenn wir die erste Schneeschicht in der Saison kompaktieren und mit jeder nachfolgenden Schneelage verbinden, verhindern wir, dass eine Gleitschicht entsteht.“ Bei dem sogenannten Bootpacking Program, treten rund 150 Helfer den Schnee im Bowl mit den Ski kompakt, im Gegenzug erhalten sie einen Saisonpass. Außerdem werden jeder Sturm und Schneefall analysiert sowie ständig der Wassergehalt und die Tiefe des Schnees erfasst. Während der Öffnungszeiten beobachtet die Ski Patrol stündlich die Schneebeschaffenheit und auch der Schnee außerhalb der Boundary wird im Auge behalten.

Der Aufwand lohnt sich, bei den Locals genießt das Bowl bei Powder einen ähnlichen Status wie bei den Innsbruckern die Nordkette. Und der berühmt-berüchtigte Kessel gilt als anspruchsvollste Abfahrt innerhalb eines nordamerikanischen Skigebietes. Dass die Bowl gesichert ist, bedeutet aber leider auch, dass man nicht gerade allein zum Gipfel aufsteigt. Der Ausblick, unter anderem auf das berühmte Massiv der Maroon Bells Berge, entschädigt aber für den rund 40minütigen Lemminggang. Und auch die vielen Abfahrtsvarianten, mit bis zu 5.6 km Länge, bei schönem Steilheitsgrad in der weitläufigen Schüssel. Hier findet jeder seine Line. Tipp:  Den Aufstieg nur bei mäßiger Windgeschwindigkeit planen. Der beste Schnee ist in den nordseitigen G-Zones zu finden, die im Liftplan verzeichnet sind.

Tribal Communities

Verwaltet werden die vier Skigebiete von der Aspen Ski Company (ASC), ein nach Skylers Ansicht fortschrittliches Unternehmen, das über den Tellerrand schaut und sich in Umwelt- wie Sozialfragen bestmöglich engagiert. Dank deren Initiative hat er den Job außerhalb des Reservates angenommen, zusammen mit anderen Utes. Doch die anderen plagte das Heimweh zu sehr und sie kommen nach wie vor mit der Mentalität der „Weißen“ nicht zurecht, daher sind sie wieder zurück ins Reservat. Ich konnte das zuerst nicht verstehen, da im Reservat die Perspektiven für junge Menschen hinsichtlich Job und Gesundheit nicht gerade vielversprechend sind, aber Deanne Vitrac Kessler von der Aspen Ute Foundation erklärt mir das Prinzip der tribal communities:  Die Familie und der Stamm mit ihren traditionellen Riten tragen maßgeblich zur Identitätsbildung bei. Sie funktionieren als Gruppe, nicht als Einzelperson wie wir in den westlichen Gesellschaften.

Immer noch Parallelgesellschaften: Die Weißen und die Indianer

Im Reservat bei Fort Duchesne, Utah, arbeiten die meisten der Natives in der Öl- und Gasindustrie. Die Arbeitslosenrate ist wie in anderen Reservaten sehr hoch, Alkohol ist ein Problem und gerade junge Leute sind auf der Suche nach ihrer Identität – jetzt wo sie wieder ihre Sprache sprechen und ihre Kultur leben dürfen. Skyler will der Jugend im Reservat Mut machen, als gutes Beispiel vorangehen und zeigen, wie er in dieser Welt seinen Platz haben und trotzdem die Traditionen leben kann. Er ist immer wieder im Reservat, schließlich ist er maßgeblich bei der Organisation traditioneller Tänze beteiligt. „Komm im Mai wieder und nimm an unserem Bärentanz teil!“ lädt er mich ein. Ich würde zu gerne! Wenn die Anreise mit über 20 Stunden nicht so aufwendig wäre. Ich frage ihn, wo er am liebsten snowboarden geht, rund um Aspen. „The Wall!“ lautet die Antwort mit breitem Grinsen. Wir steigen aus dem Lift aus, schnallen an und fahren Richtung Wall, einem netten extrem Terrain in Snowmass.

Skyler ist auf mehreren Ebenen tätig, um zwischen den Kulturen zu vermitteln. So wird er in Grundschulen eingeladen, um über das Leben der Natives heute zu berichten. Von den amerikanischen Drittklässlern wird er nicht selten gefragt, ob er im Tipi lebt. Er nimmt durchaus seine Trommel mit, singt die alten Lieder und erklärt deren Bedeutung. Aber er vermittelt den Schülern eben auch, dass American Indians quasi leben wie wir, mit Internet und anderen Medien, mit eigener Politik, Wirtschaft, mit den gleichen Ängsten und Träumen.

Aufgrund seines Engagements stellt das Aspen Historical Museum in einer Abteilung die Geschichte der Ute Natives dar. Das Museum ist absolut einen Besuch wert. Übrigens auch dessen historische Stadtführung mit Nina Gabianelli, die einen im Original Kostüm aus dem 19. Jahrhundert abholt – in einem lustigen Elektromobil. In Aspen gehen eben oft Geschichte und Moderne Hand in Hand. Ein spannender Ort zum Jagen, ob nun Powder oder Promis. Und die Friedenpfeife darf auch geraucht werden: Seit Anfang des Jahres ist der Kauf von Cannabis in Colorado legal.

 

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Tricks und Tipps:

Anreise
Der Reiseanbieter Faszination Ski  bietet Packages wie: Eine Woche Aspen mit Flug via Denver, gutem Hotel mit Frühstück, Apres Ski Snack und Liftpass ab 1399 Euro.

Übernachtung
Tipp: In Snowmass übernachten, ist günstiger als Aspen. Zwischen den vier Skigebieten verkehren kostenlose Busse.
Sky Hotel: Wenn es doch Aspen sein soll, ist das extravagante Hotel mit Spaß-Faktor zu empfehlen: Vom Schnee gleich in den getigerten Bademantel und ab zum Hot Tub. Energie-technisch nicht optimal aber energetisch absolut. Und die Hotelbar 39 Degrees ist am Abend der angesagte Treffpunkt.
9flats.com: relativ günstige Übernachtungsmöglichkeiten bei privat ab rund 130$/2 Personen pro Nacht

Restaurants
Tipp: Viele Restaurants verfügen über einen Bar-Bereich, in dem man auch das Essen bestellen kann, aber bis zu 30% günstiger!
Heaven9: im Gebiet Aspen Highland: gemütlicher Berggasthof mit genialer Aussicht, unglaublich gutem Essen und Partypotential ohne Alice.
Elk Champ: im Gebiet Snowmass: Vielfältige Küche mit Zutaten von regionalen Anbietern.
Ajax Tavern: direkt am Fuße des Aspen Mountain: Trüffelpommes für zwischendurch oder zum Diner.
Little Nell: Der kleine Ort Aspen birgt im Keller des Hotels Little Nell einen der besten Weinsammlungen Amerikas. Das Programm, bestehend aus über 20.000 Flaschen wird immer wieder ausgezeichnet. Wer den Sommeliers folgen kann, lernt viel.
Free Service
Storage: Sehr praktisch. Wer bei Four Mountain Sports sein Snowboard ausleiht, kann jeden Abend das Board gleich bei der Gondel abgeben, teilt den Mitarbeitern mit, in welches Skigebiet es am nächsten Tag gehen soll – und dort wartet das Board am Tag darauf auch schon.
Yoga vor Traumkulisse: Kostenloser Yoga-Unterricht auf dem Sundeck am Gipfel von Aspen Mountain.
Ambassadors: Der berühmte Service im Skigebiet: Freundliche erfahrene Ambassadors verteilen kostenfrei Sonnenmilch, Getränke und geben Auskunft nach dem Weg.

Highlights
Backcountry. Wem die Freeride-Möglichkeiten in den Skigebieten nicht ausreichen, kann bei Touren im Backcountry noch mehr erleben, Guiding: www.aspenexpeditions.com

Winter X Games:

Jährlich im Januar oder Februar in Buttermilk, wo die besten Pipes und Obstacles der USA stehen.

Aspen Art:

Seit ihrer Gründung anno 1947 widmet sich die Aspen Skiing Company nicht nur dem Liftbetrieb sondern auch der Erneuerung von Geist, Körper und Seele in der Natur. Das ist kein Spruch, sondern in Aspen spürbar. So konnte sich ein immenses kulturelles Angebot an Museen, Galerien und Festivals entwickeln – in einem 6000 Seelen-Dorf wohlgemerkt.

Fatbiken:

Unbedingt ausprobieren, für eine Stunde Board gegen Bike tauschen, ein riesen Spaß mit den riesen Reifen ist garantiert. Im Grunde sind es MTBikes mit ziemlich fetten 29-Zoll-Rädern, die auch auf Schnee oder Sand sehr gut funktionieren. Aspen ist im Sommer DAS Bike-Mekka und dank der Fatbikes jetzt auch im Winter, sogar Leonardo DiCaprio tut es hier.