„Ein Big-Wave-Team ist ein Projekt fürs nächste Jahrzehnt, nicht für die nächste Saison“

Die Wellen, die Lena surft, werden jedes Jahr etwas größer – so groß, dass sich die deutsche Surferin im legendären Big-Wave-Spot Nazaré inzwischen mit dem Jetski in die Wellen ziehen lässt. Ab da werden sie riesig. Nach einer ersten rauen Saison in Nazaré nimmt uns Lenas neuer Film „Her Wave“ mit in ihren zweiten Winter zwischen Big Waves, eisigen Temperaturen und einer Doktorarbeit, die sie zwischen all der Planung und dem Training noch fertigstellt. Dabei ist der Film keine klassische Heldenreise, sondern ein authentisches Porträt einer Surferin, die ganz in ihrem Element ist – mal mutig, mal voller Zweifel.

Filmposter Her Wave Lena Kemna

Lena’s zweite Saison in Nazaré

Hi Lena, wir haben uns zuletzt im Sommer 25 zum Release deines Films „Lena“ getroffen – seitdem ist ja einiges passiert. Heute wird dein neuer Film „Her Wave“ in den Kinos gezeigt.
Ja, seitdem ist irgendwie ein ganzes Jahrzehnt vergangen. Es ist verrückt, wenn ich jetzt die Bilder vom ersten Film sehe. Ich war damals noch voll die Anfängerin und finde auch, dass ich da etwas uncool auf dem Board stand, haha. Danach bin ich hochmotiviert weitergestartet. Ich habe extrem viel trainiert und habe mein Ziel verfolgt, ein eigenes Team zusammenzustellen. Ich bin nach Brasilien gegangen, habe ein Jetski-Training gemacht und meine erste Tow-in Competition bestritten. Es ging wirklich Tag für Tag weiter.

Du bist dann auch selbst den Jetski gefahren?
Genau. Ich wollte ein richtiges Team aufbauen, sodass man sich beim Fahren und Surfen abwechselt. Ich habe sogar einen Kapitänsschein auf Portugiesisch gemacht, damit ich lerne zu navigieren und den Jetski aus dem Hafen fahren kann. Ich habe wirklich alles durchgemacht. Es war richtig krass und richtig anstrengend. Ich habe Hunderte E-Mails an Sponsoren geschickt. Im September bin ich dann noch viel Freediving gegangen, um meine Lunge auf die zweite Saison vorzubereiten und das Ganze weiter zu professionalisieren. Und dann habe ich einfach gemerkt: Das kommt nicht hin. Das wird nicht passieren. Ich meine, wie viel braucht man, um ein eigenes Big-Wave-Team zu starten? Mindestens 50.000 Euro. Und wenn man das Ganze auch medial begleiten möchte, mit einem Film, einer Serie oder irgendetwas in der Richtung, ist man realistisch gesehen schnell bei 100.000 Euro. Das hat vorne und hinten nicht zusammengepasst. Gleichzeitig habe ich noch meinen Doktor gemacht. Den wollte ich eigentlich im September abgeben, konnte ihn aber auch noch nicht fertigstellen. Ende September, Anfang Oktober ist irgendwie alles zusammengefallen.

Ich muss dazu sagen: Es ist natürlich ein sehr privilegiertes Problem, wenn man sagt: „Hey, ich würde gerne ein Big-Wave-Team starten und bekomme die Finanzierung nicht zusammen.“ Aber das war einfach die Situation. Und dann habe ich mich gefragt: Was mache ich jetzt?

Was bedeutet es denn konkret, wenn du kein eigenes Team hast? Musst du dir jedes Mal Leute suchen, die mit dir rausgehen?
Genau. Das heißt, ich musste jedes einzelne Mal einen Jetski-Fahrer bezahlen. Für die größeren Tage ist das vollkommen in Ordnung, aber für die ganzen kleinen Trainingstage wird es schwierig. Denn wenn ich keinen eigenen Jetski habe, werde ich diese kleineren Trainingstage nicht machen können. Und ich war gefühlt wieder am gleichen Punkt wie im Jahr davor. Natürlich hatte ich mehr Erfahrung, aber von meinem Ziel genauso weit entfernt.

Und dann hast du trotzdem weitergemacht?
Ja. Ich habe ein paar Sponsoren bekommen, mit denen ich sowieso schon zusammenarbeite – G-Shock, Ion und Dryrobe. Und dann habe ich im letzten Moment noch ASUS kennengelernt, also die Laptop-Marke. Also bin ich wieder nach Nazaré gegangen. Die Story war ein bisschen ähnlich wie beim ersten Film, nur dass der Winter natürlich ganz anders war.

Lena Kemna Portrait

Inwiefern war der Winter anders?
Ich habe zum Beispiel einen Schweizer kennengelernt, der einen eigenen Jetski hat. Mit ihm habe ich angefangen zu trainieren – ziemlich amateurhaft. Er hatte einen Jetski, aber wenig Erfahrung auf diesem Gebiet. Ich hatte etwas mehr Erfahrung, aber keinen Jetski. Also haben wir einfach angefangen zu trainieren. Aber das war ziemlich chaotisch und ich mag es, Dinge ordentlich zu machen, gut zu trainieren und Schritt für Schritt vorzugehen. Deshalb haben wir das wieder gelassen.

Dann kamen die ersten großen Swells. Ich war mega gestresst, weil ich nebenbei noch meinen Doktor gemacht habe. Ich habe ihn dann abgegeben und war körperlich einfach total erschöpft. Es war wirklich sehr nah am Burnout.

Im Januar hatte ich dann ein bisschen Budget für ein paar Sessions, aber natürlich nur bei den wirklich größeren Swells, weil das Budget so begrenzt war. Ich dachte: Für kleine Sessions habe ich dieses Jahr keinen Platz. Wir machen nur die großen Tage.

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Lenas Traum von Big Waves

Wie groß waren die Wellen im Vergleich zum letzten Jahr?
Die letzte Session 2025 war die erste, bei der ich wirklich sagen konnte: Das waren Big Waves. Am Ende der Saison 25/26 hatte ich knapp die 20-Fuß-Grenze überschritten. Genau da haben wir angesetzt und von da an ging es größer, größer, größer.

Und wie war die erste Session?
Kalt. Der letzte Winter war hart und stürmisch. Die Lufttemperatur lag bei null Grad und die Wasseroberfläche war mega bumpy. Es war wirklich hart.

Aber als ich das erste Mal wieder auf dem Wasser war, habe ich gemerkt: Okay, ich bin nicht am gleichen Punkt wie letztes Jahr. Es ist einfach extrem viel passiert in diesem Jahr. Es ist schon okay. Komm, wir machen weiter.

Wie waren die Bedingungen insgesamt?
Viele Sessions waren wirklich schwierig. Es war eiskalt, mega stürmisch und wild. Dazu kommt dieses ganz braune, undurchsichtige Wasser, das du vielleicht aus Portugal im Winter kennst. Dadurch wird alles noch enger und irgendwie beängstigender. Und vor allem die Bumps. Die hatte ich letztes Jahr überhaupt nicht. Ein Bump ist ungefähr einen halben Meter groß. Du fährst darüber und wirst die ganze Zeit nur herumgeschleudert. Es ist schon etwas ganz anderes.

Hattest du auch einen richtig heftigen Wipeout?
Ja, ich hatte definitiv den größten Wipeout meines Lebens. Ich hatte eine CO₂-Weste an und sie vorher schon einmal zum Testen ausgelöst. Dann hatte ich diesen Wipeout und dachte in dem Moment: Die Welle war nicht riesig. Ich probiere jetzt einfach mal aus, wie sich ein Wipeout ohne CO₂-Weste anfühlt. Es kann ja immer mal sein, dass sie nicht funktioniert. Ich habe das Ganze sogar auf Video. Ich war, glaube ich, über 30 Sekunden unter Wasser, was natürlich schon ziemlich lang ist.

Surferin Lena Kemna in Nazare

Eine ganz besondere Welle

Wobei sich 30 Sekunden unter Wasser wahrscheinlich immer noch viel länger anfühlen.
Ja, definitiv. Es war schon lang. Und das Verrückte war, dass ich den gesamten Wipeout bewusst mitverfolgt habe. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Okay, ziehe ich jetzt die Weste? Nein, mache ich nicht. Ich probiere das jetzt mal aus. Wie fühlt sich das an? Dann dachte ich: Okay, krass, das ist gerade wie vom Bus überfahren zu werden. Ich mache mal weiter. Ich merke, ich werde weitergeschleudert.

Dann war es vorbei und der Jetski-Fahrer war direkt da und hat mich abgeholt. Ich war mega erschöpft, aber es war okay. Es war kein traumatisches Erlebnis. Es war heftig, aber noch innerhalb meiner Komfortzone und innerhalb von dem, was ich erwartet hatte.

Gibt es rückblickend eine Welle, von der du sagen würdest, dass sie die wichtigste dieser Saison war?
Ja, tatsächlich. Hundertprozentig. Das ist auch die Welle, die am Ende das Cover geworden ist. Und dabei war sie mit Abstand nicht die beste Welle und überhaupt nicht die größte. Aber sie war einfach so besonders, dass ich sofort dachte: Hey, die wird das Filmcover. Das war nach dem Wipeout, bei dem mein Brett sogar am Strand gelandet ist.

 

Surferin Lena Kemna in Nazare
Lena Kemna Freedive

Wie funktioniert das dann eigentlich? Der Jetski-Fahrer sammelt dich ein, aber das Brett ist weg.
Genau. Du kannst keine Leash tragen, weil sie dir sonst beim Wipeout das Bein herausziehen würde. Der Jetski-Fahrer sammelt dich also ein und lässt dich im Shorebreak raus. Dann musst du zurück zum Strand schwimmen, dein Brett einsammeln – das wiegt auch sechs oder sieben Kilo – und damit durch den vielleicht zwei Meter hohen Shorebreak wieder zum Jetski-Fahrer kommen. Du hast fünf Neoprenschichten an, bist sowieso schon erschöpft und kannst kaum etwas sehen. Das ist eigentlich das Schwierigste an allem, was drumherum passiert. Ich habe es irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit geschafft und war so erschöpft, dass ich erstmal kurz eine Pause brauchte.

Und genau in dem Moment habe ich auch noch meine Tage bekommen. Es war einfach alles zusammen. Alles, was sowieso schon gefährlich, kalt und unangenehm ist, wirkt plötzlich noch bedrohlicher. Man bekommt Selbstzweifel und denkt: Oh, ich möchte gerade eigentlich gar nichts. Ich will einfach nur nach Hause aufs Sofa. Aber dann dachte ich: Ich habe jetzt Tausende Euro bezahlt, ich bin hier draußen – okay, wir machen noch ein bisschen weiter.

Ich bin danach aber ganz anders gesurft. Ich habe entschieden: Die Wellen sind immer noch groß und gefährlich, aber ich bleibe mehr in meiner Komfortzone. Ich habe auf meine Intuition gehört und die Welle so gesurft, wie ich sie wirklich sicher surfen konnte. Danach habe ich noch ein, zwei Wellen genommen und dann zum Team gesagt: „Okay, reicht für heute. Alles ist gut.“

Du erzählst im Film auch sehr viel über diese dunkleren, introspektiveren Momente.
Ja. Im ersten Film haben wir schon angefangen, unseren eigenen Stil zu finden. Vielleicht etwas mehr ins Abstrakte, etwas mehr ins Dunkle, was ja auch sehr viel Realität ist. Das haben wir jetzt noch freier weitergeführt. Das ist auch ein bisschen die Idee des Films: keine klassische Heldengeschichte zu erzählen. Viele Filme sind mittlerweile sehr Netflix-optimiert: Der Held wird vorgestellt, dann kommt das Problem, man überwindet es und am Ende gibt es ein Happy End.

Meine Saison war überhaupt nicht so. Ich würde sagen, das Leben ist allgemein relativ selten so. Deshalb dachten wir: Genau das wollen wir wirklich zeigen. Auch die Tiefen davon. Und gleichzeitig ist eine Big-Wave-Saison zu machen und nebenbei einen Doktor zu schreiben einfach hart und viel.

Surferin Lena Kemna in Nazare

Was motiviert dich denn trotz all dieser Widrigkeiten weiterzumachen? Du investierst so viel – ins Training, finanziell, in die kalten Tage auf dem Wasser.
Ich würde sogar sagen: Es geht nicht nur ums Surfen, sondern um diese Art von Surfen. Und paradoxerweise ist genau das, was ich liebe. Ich liebe dieses Extreme, dieses Düstere und diese brutale Naturgewalt. Genau das zieht mich an.

Es klingt immer ein bisschen pathetisch, wenn man sagt: „In dem Moment weiß man einfach, dass man dafür gemacht ist.“ Aber genau so fühlt es sich an. Ich denke: Okay, das ist es. Genau das will ich machen.

Und wie geht es jetzt weiter? Hat sich seit der letzten Saison etwas getan in Richtung eigenes Team?
Das ist eine total gute Frage und ich weiß es nicht genau. Nach der Saison wusste ich: Es ist ja nicht so, dass ich jetzt alles gelöst hätte. Ich hatte mega gute Wellen und wirklich Glück. Ich habe mich weiterentwickelt, und ich würde sagen: Das ist ein Projekt fürs nächste Jahrzehnt, nicht für die nächste Saison.

Das wird Schritt für Schritt weitergehen. Ich habe kein eigenes Team und keinen eigenen Jetski. Ich habe aber ein paar Kontakte, bei denen sich so langsam etwas ergibt. Das werde ich erstmal weiterverfolgen und dann schauen, wo es hingeht.

 

Bei der Surffilmnacht kannst du „Her Wave“ sehen:
https://www.surffilmnacht.de

Mehr Inspiration von Surferinnen findest du in der aktuellen Surf Ausgabe:

Golden Ride Magazine Surf Issue

Between Waves

Surf Issue 26

In dieser Surf-Ausgabe geht es um den Stoff für salzige Träume: die Jagd nach Momenten, die uns den Atem rauben, nach Wellen, die unser Herz höherschlagen lassen, und nach Abenteuern, die uns verändern.