Wir können uns nur schwer vorstellen wie Snowboardfotos im Backcountry eigentlich entstehen. Was die Fahrer und auch die Fotografen für den perfekten Shot alles auf sich nehmen. Es scheint ein hartes Pflaster, auf dem auch nur sehr wenige weibliche Fotografen unterwegs sind. Eine von ihnen ist die junge Kanadierin Erin Hogue, die für ihre Leidenschaft nach Whistler zog und nun mit den besten SnowboarderInnen weltweit auf der Suche nach dem perfekten Shot ist.

 

Hi Erin, magst du dich kurz vorstellen?

Ich bin Fotografin und lebe den Winter über in Whistler und im Sommer in Encinitas, in Kalifornien und ich fotografiere vor allem Snowboarden.

Was war zuerst da: Deine Liebe zum Snowboarden oder die Leidenschaft zur Fotografie?

Schwer zu sagen… Ich wuchs zu einer Zeit auf, in der man als Skifahrer nicht in den Snowpark durfte. Ich wollte aber unbedingt Tricks machen und so begann ich mit 11 Jahren mit dem Snowboarden. Nach einem Tag, den ich die meiste Zeit damit verbrachte auf dem Arsch zu rutschen, tauschte ich meine Ski gegen ein Board. Bei der Fotografie hingegen, kann ich schlecht sagen wann genau ich damit anfing. Als Kind habe ich schon immer Fotos gemacht und mit alten Fotos aus Zeitschriften herum experimentiert. So richtig fing ich damit dann erst in der High
School an, als ich in die Dunkelkammer konnte.

Kannst du dich an deine ersten Snowboardshots erinnern?
Wie fing deine Karriere als Fotografin an?

Haha, ich kann mich sogar gut daran erinnern: Ich war noch in der High School und sie waren wirklich schrecklich! Ich hatte keine Ahnung was ich tat. Ich fotografierte außerdem zunächst Skateboarden und konzeptionelle Fotografie, da die Berge und das Snowboarden zu weit von meinem Elternhaus entfernt waren. Mit der Snowboard-Fotografie begann ich erst richtig, als ich nach Whistler zog.

Foto von: erin hogue photography

Hat sich deine Sicht auf das Snowboarden und die Foto-
grafie über die Jahre verändert?

Hmm… gute Frage. Ich denke ja. Bei meinem ersten Ride in Whistler verletzte ich mein rechtes Handgelenk schwer und musste deshalb gleich wieder zurück zu meinen Eltern ziehen. Ich konnte ein komplettes Jahr lang nicht mehr fotografieren und entschied in dieser Zeit, etwas anderes zu machen. Ich war ziemlich verloren für eine Weile und zog schließlich wieder zurück nach Whistler für eine weitere OP. Ich begann gleichzeitig sehr viel Yoga zu machen und nach einer Kernspinttomografie stellte sich heraus, dass mein Handgelenk so kaputt war, dass die Ärzte es nur noch fixieren konnten und ich es dadurch überhaupt nicht mehr hätte bewegen können. Glücklicherweise aber tat mir das Yoga so gut, dass ich mit den Ärzten redete und schließlich mein Handgelenk selbst weiter stärkte. Nach einiger Zeit konnte ich endlich wieder eine Kamera halten und ein Freund fragte, ob ich einen seiner Trips nach Australien dokumentieren wolle. Ich sagte mir, dass ich wieder anfange zu fotografieren, sollte ich den Trip finanziert bekommen. Ich sendete eine E-Mail und bekam die komplette Unterstützung.

Was macht Snowboard-Fotografie so besonders?

Alles. Es ist bei weitem eines der heftigsten, unberechenbarsten, unkontrollierbarsten und herausfordernsten Dinge, die man fotografieren kann. Aber aus denselben Gründen ist es auch so befriedigend! Wenn man schließlich alle Hindernisse, die gegen einen arbeiten, überwunden hat, dann schätzt man das Ergebnis noch viel mehr. Außerdem gibt es nichts Schöneres als mit 100 km/h einen abgelegenen Gletscher zu hinunterzuheizen und die Sonne kommt gerade zwischen schneebedeckten Gipfeln hervor… aber es gibt keine Worte, die dieses Feeling beschreiben könnten.

Du shootest sehr viel im Backcountry. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach ist. Wie sieht ein normaler Shootingtag bei dir aus und mit welchen Schwierigkeiten musst du rechnen?

Mein Wecker klingelt normal zwischen 4:00 und 4:30 Uhr in der Früh. Ich gebe mir eine Stunde, um außer Haus zu kommen. Das Meeting ist dann so um 6:00 Uhr und ich bin meistens 15 Minuten vorher am Treffpunkt. Dann trödeln mit der Zeit auch die anderen ein, laden ihre Sleds ab und wir machen uns mit der aufgehenden Sonne auf den Weg ins Backcountry. Schwierigkeiten und Herausforderungen gibt es endlos viele und zu jeder Zeit: Von steckengebliebenen Sleds, Sledpannen, bis hin zu Battles mit anderen Crews, Wetterumschwüngen, schlechten Schneebedingungen, ungünstigen Lichtverhältnissen, der richtigen Perspektive und vor allem diese zu bekommen, ist alles mit dabei. So ziemlich alles ist schwieriger da draußen und jeden Tag legt man sein Leben in die Hände einer Crew und man muss immer auf alles gefasst sein. Für mich heißt das, so gut es geht in Form zu bleiben, um mit den Jungs mithalten zu können. So viel Lawinen- und Erste Hilfe-Training wie möglich, um zu wissen, was in verschiedenen Situationen zu tun ist. Yoga hilft mir auch sehr viel: Man bleibt dadurch in Situationen, die einem das Herz rasen lassen, ruhig und es beugt zudem ernsten Verletzungen vor.

Ein solcher Tag endet normalerweise nach Sonnenuntergang, was im Winter ca. um 18:00 Uhr und im Frühling dann so um 20:00 Uhr ist. Das heißt, ich komme genau zum Abendessen nach Hause, lade die Bilder auf den Computer, hänge meine Sachen zum trocknen auf und stelle mir den Wecker für den nächsten Morgen.

Foto von: erin hogue photography

Wie schwer ist es mit einem Sled zu fahren?

Das zu lernen ist endlos und gerade, wenn man denkt, man hat den Dreh raus, dann ist man kurze Zeit später wieder genau da, wo man angefangen hat.

Ich habe einen Artikel über eine verrückte Woche von dir gelesen, mit vielen Anfragen, Absagen und Planänderungen. Scheint, als müsstest du sehr spontan und flexibel sein. Welche anderen Eigenschaften braucht man bei deinem Job?

Man muss locker und entspannt sein und muss in der Lage sein Situationen zu erkennen und schnell zu reagieren. Und man muss definitiv stark sein, denn der Job ist auch physisch sehr fordernd.

Wer oder was hatte den größten Einfluss auf dich als Fotografin?

Mmh… die Frage ist nicht leicht. Mir haben so viele wundervolle Menschen geholfen, dass es unmöglich ist, nur eine Person zu nennen. Eine gute Freundin, Natalie Langmann, ist immer für mich da. Sie weiß sehr viel und ist sehr intuitiv und gibt mir immer gute Ratschläge, wenn ich verloren bin…und wenn ich ihren Rat nicht befolge, läuft alles schief. Andrew Burns, Jess Kimura und Kimmy Fasani haben mich immer mit ins Backcountry genommen, als ich gerade mit der Snowboard-Fotografie anfing. Kimmy ist unglaublich ermutigend und Chris Wellhousen, Fotoeditor bei Transworld Snowboarding, hat mir wirklich hilfreiches Feedback gegeben und mich unterstützt.

Wie war deine letzte Saison? Irgendwelche spannenden Trips oder Erlebnisse?

Ummm, na ja, eines Morgens um 7 Uhr, bevor ich auf dem Weg zum Snowboarden war, bekam ich eine Nachricht von Justin Hoyneck (Gründer und Filmer von Absinthe), in der er mich fragte, ob ich morgen mit ihm, Manuel Diaz und Kimmy Fassani nach Alaska fliegen wolle. “Buche deinen Flug jetzt, bevor du aus dem Haus gehst!”. Ich zögerte für einen Augenblick. Ich wollte unbedingt mitkommen, aber der einzige Trip, den ich für dieses Jahr geplant hatte, war genau in derselben Woche. Ich konnte auf keinen Fall Nein zu Absinthe sagen… aber ich musste es irgendwie managen, beide Trips zu machen. Ich checkte das Wetter, mein Leben dreht sich immer ums Wetter. Es war Freitag, Ende März. Für Haines hieß es Sonne am Montag und Dienstag, bevor es dann die restliche Wolke bewölkt sein sollte. Dann schaute ich nach dem Wetter in Golden (der Ort, meines geplanten Trips) und es hieß Wolken bis Mittwoch Nachmittag. Das war wirklich perfekt. Ich sendete zwei Nachrichten: Einen zu den Initiator des Golden Trips und die andere zum Big Man, der alles finanzierte. Dann war es höchste Zeit, für eine Sled-Session in Whistler. Ich shootete mit Austen Sweetin und die ersten Worte, die er herausbrachte waren: “Du fährst nach AK!” Außer, dass ich noch nicht genau wusste, ob ich beide Trips machen kann, antwortete ich “Ich hoffe”. Und er erwiderte: “Erin, du darfst auf keinen Fall die Gelegenheit verpassen mit Nicolas Müller in Haines zum Heliboarden zu gehen!”.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, hatte ich immer noch keine Antwort bekommen, aber dennoch packte ich meine Sachen. Schließlich klingelte das Telefon “Endlich!”, dachte ich. Dann erklang Justins Stimme am Hörer. Shit… Ich hatte noch immer keine Antwort vom Golden Team bekommen… “Also…” begann er, “kommst du?”.  Ich musste ihm sagen, dass ich es noch nicht wusste. “Wo liegt das Problem?” “Ich habe noch nichts vom Big Man gehört und weiß nicht so recht, ob es so cool ist, wenn ich den Plan einfach so umwerfe.” “Was? Wir sind gute Freunde, ich ruf ihn an. In der Zwischenzeit buchst du deinen Flug.” Ich buchte meinen Flug und verbrauchte zwei Tage in Haines, woraufhin ich dann eine Woche in Golden verbrachte, nur um dann für den restlichen April wieder zurück nach Haines zu kommen.

Foto von: erin hogue photography

Klingt spannend! Du hast auch mit den Full Moon Girls geshootet. Ist es anders mit einer Gruppe von Frauen unterwegs zu sein?

Es wird mehr getanzt… das ist zwingend notwendig, wenn man mit
einer Gruppe von Mädels unterwegs ist… und der Bralorne Trip war der Hammer! Es tat gut aus Whistler heraus zu kommen, in eine abgelegene Gegend ohne Internet und ohne Handyempfang.

Normalerweise shootest du nur mit Jungs…wie ist es, wenn man das einzige Mädchen in einer Gruppe von Snowboardern ist? Hast du einen Einblick in die Sicht der Männer bekommen? 🙂

Ich nehme das gar nicht so wahr, aber ich habe Nicolas Müller nach seiner Perspektive gefragt, wie es ist, wenn ein Mädchen unter lauter Jungs dabei ist: “Es ist beruhigend neben den ganzen energiegeladenen Jungs jeden Tag” :). Aber alles, was ich so mitbekommen habe, bezüglich des männlichen Gehirns ist, dass es sooo viele heiße Girls auf der Welt gibt; so ziemlich jedes Girl ist auf irgendeine Art und Weise sexy… und Taylor Swift ist auf jeden Fall zu dünn, manchen sogar viel zu dünn.

Welche Art von Szenario shootest du am liebsten?

Ich liebe alles, womit man ein bisschen herausgefordert wird und sehen muss, wie man das Problem löst. Außerdem ist es schön mit einer netten, relaxten Crew im Backcountry unterwegs zu sein.

Was fotografierst du außer Wintersport noch?

Ich fotografiere Wandern, Laufen und Yoga in abgelegenen Locations und auch ein wenig Surfen. Ich fotografiere so ziemlich alles Mögliche draußen in der Natur, am liebsten mit ein bisschen Abenteuer.

Was machst du während dem Sommer?

Diesen Sommer verbrachte ich einen Monat in Oregon und half bei einem Fotografie Workshop des High Cascade Snowboard Camps mit. Nun lebe ich in Encinitas, Kalifornien, und fotografiere, schreibe und lerne Surfen.

Was kommt bei dir als Nächstes?

Ich bin derzeit dabei eine Serie von behind the scenes Edits zu machen, um zu zeigen, was es braucht, um ein Foto zu schießen, das dann in einem Magazin erscheint. Die Idee kam von dem Wunsch meinen “Stadt” Freunden zu zeigen, wie mein Leben tatsächlich aussieht.

Foto von: erin hogue photography
Foto von: erin hogue photography
Foto von: erin hogue photography