„She in Storms“ – Christina Gindl über Verletzungen, Identität und den Mut, verletzlich zu sein
Jeden Winter treffen gewaltige Swells auf Portugals Küste und formen über dem legendären Unterwasser-Canyon von Nazaré riesige Wellen. Der kleine Fischerort ist zur Bühne für das Big-Wave-Surfen geworden – ein Ort, voller Rekorde, Adrenalin, Prestige und Egos. Dazwischen kämpfen heute auch ein paar Newcomerinnen um ihre ersten Sessions und den Traum, sich in dieser außergewöhnlichen Szene zu beweisen. Eine von ihnen ist die Österreicherin Christina Gindl, die die heimischen Berge gegen tosende Wasserberge tauschte. Doch in ihrem neuen Film „SHE IN STORMS“ stehen nicht die Wellen, die Stürme bringen, im Fokus, sondern die Stürme, die im Inneren toben. Nach einer schweren Knieverletzung musste sie lernen, dass ihre Identität aus weit mehr besteht als dem Surfen. Im Gespräch erzählt sie, warum sie diese persönliche Reise als Film festgehalten hat, weshalb Verletzlichkeit keine Schwäche ist und was sie die schwerste Zeit ihres Lebens gelehrt hat.

Vom Kreuzbandriss zum Filmprojekt
Hi Christina, wann ist die Idee zu SHE IN STORMS entstanden?
Der Film begleitet zwar meine Knieverletzung und mein Comeback, aber eigentlich geht es um viel mehr: um mentale Gesundheit und darum, was passiert, wenn man plötzlich seine Identität verliert. Deshalb haben wir schon im Oktober 2024 angefangen zu filmen – direkt nach meiner Kreuzband-Verletzung und der Operation. Damals wusste ich noch gar nicht, ob oder wie ich diese Geschichte erzählen möchte. Ich wusste nur, dass gerade etwas sehr Bedeutendes passiert. Im Surfen zeigen wir meistens nur die guten Momente: perfekte Wellen, Erfolge und Abenteuer. Aber über die Phasen, in denen alles zusammenbricht, spricht kaum jemand. Genau diesen Teil wollte ich sichtbar machen. Ich wollte zeigen, dass ich nicht immer nur die starke Christina bin, die alles im Griff hat. Dass das Leben manchmal völlig anders verläuft, als man es sich vorstellt. Wir haben über Monate hinweg immer wieder gefilmt und alles gesammelt. Ehrlich gesagt konnte ich das Material lange Zeit selbst kaum anschauen, weil es einfach zu schmerzhaft war.
Wann wurde daraus schließlich ein Film?
Erst im Oktober 2025 habe ich die Entscheidung getroffen. Ich wollte keine kurzen Injury-Reels oder schnelle YouTube-Videos produzieren. Mir war klar, dass diese Geschichte mehr Raum braucht. Ich mag selbst gerne Filme und weiß, welche Kraft sie entfalten können. Bei einem Screening trifft man die Menschen persönlich, spricht mit ihnen und schafft eine ganz andere Verbindung als über Social Media. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir mental schon deutlich besser. Ich hatte intensiv mit einem Sportpsychologen gearbeitet und hatte das Gefühl, stark genug zu sein, meine Geschichte mit der Welt zu teilen. Also beschlossen mein Partner und ich, den Film fertigzustellen. Ich habe produziert und geschrieben, er hat gefilmt und den Schnitt übernommen.
Mental Health und Hürden bei der Eigenproduktion
Du hast den Film selbst produziert. War das deine erste größere Produktion?
Nein, es ist bereits mein 2. größerer Film. Der erste war “Fith Tide”. Außerdem entstand letztes Jahr mit G-SHOCK ein Kurzfilm übers Freediven (“Above.Below”). Apnoe-Tauchen hat während meiner Rehabilitation eine enorme Rolle gespielt. Es hat mir in dieser schwierigen Zeit unglaublich geholfen und war ein wichtiger Baustein meiner mentalen Erholung. SHE IN STORMS ist aber mein bisher persönlichstes Projekt – und gleichzeitig das herausforderndste. Den Film zu produzieren, während ich selbst noch mitten in der Rehabilitation steckte, war oft unglaublich schwierig. Es gab Tage, an denen mein Knie wieder Rückschritte machte. Dann wollte ich mich einfach nicht noch einmal mit der Geschichte beschäftigen. Deshalb habe ich immer wieder Pausen eingelegt, bevor ich mit etwas Abstand weiterschreiben konnte. Rückblickend bin ich daran unglaublich gewachsen. Nicht körperlich – sondern mental. Man kennt ja das Sprichwort, dass schwierige Phasen einen stärker machen. Das war bei mir am Ende auch der Fall. Ich wurde stärker – nicht physisch, aber mental und das fühle ich jetzt langsam. Viele Leute haben mir auch gesagt, dass ich in dem Universum noch in zehn Jahren für den Kreuzbandriss danken werde… da bin ich allerdings noch nicht, haha.

Wie fühlt es sich heute an, den Film zu sehen?
Mittlerweile kann ich ihn ehrlich gesagt kaum noch sehen haha – einfach, weil wir so lange daran gearbeitet haben. Ich sehe immer noch Dinge, die ich gerne verändern würde. Aber irgendwann muss man loslassen. Das Schamgefühl, das ich nach der Verletzung lange hatte, ist verschwunden. Damals fühlte ich mich wie eine Versagerin, weil ich plötzlich nicht mehr funktionieren konnte. Dieses Gefühl begleitete mich auch, als ich anfing, auf Social Media darüber zu sprechen. Heute überwiegt etwas ganz anderes: Dankbarkeit. Vor allem, weil ich sehe, wie sehr der Film Menschen berührt.

Die Reaktion der Surf-Community
Die Premiere fand beim Ericeira Surf Film Festival statt. Wie war die Resonanz?
Unglaublich überwältigend. Nach dem Screening kamen so viele Menschen zu mir – vor allem Frauen. Sie erzählten mir ihre eigenen Geschichten, ihre Verletzungen, ihre persönlichen Krisen und wie sehr sie sich in dem Film wiedergefunden haben.
Mental Health ist ein Thema, über das zwar mittlerweile öfter gesprochen wird, aber oft bleibt es an der Oberfläche. Wenn man selbst mitten in so einer Krise steckt, fühlt man sich unglaublich allein. Genau so ging es mir. In diesem Moment wurde mir klar, dass der Film genau das erreicht, was ich mir erhofft hatte. Natürlich hilft ein Film auch meiner Karriere, aber darum ging es nie in erster Linie. Als die Menschen nach der Premiere ihre Geschichten mit mir geteilt haben, standen mir selbst die Tränen in den Augen. Da wurde mir bewusst, dass unsere Arbeit als Sportlerinnen manchmal viel größer sein kann als der Sport selbst.
Was bedeutet der Titel „She in Storms“?
Es geht bewusst nicht nur um große Wellen. Die Stürme stehen natürlich für die Ozeane und die großen Wellen, die ich so sehr liebe. Aber genauso stehen sie für die Stürme des Lebens. Jeder Mensch erlebt schwierige Phasen – Verletzungen, Verluste, finanzielle Sorgen oder andere Krisen, oder eben Stürme. Trotzdem sprechen wir viel zu selten darüber. Dadurch glauben viele, sie seien mit ihren Problemen allein. Genau dieses Gefühl wollte ich mit dem Film aufbrechen.
Identität abseits des Big-Wave-Surfens
Was war das wichtigste Learning dieser Zeit?
Ganz klar das Thema Identität. Surfen war für mich immer viel mehr als ein Hobby. Es ist mein Beruf und ein riesiger Teil meines Lebens. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich mich darüber definiert habe. Als mir das plötzlich genommen wurde, ist dieses Kartenhaus zusammengebrochen. Ich musste lernen, dass ich viel mehr bin als nur Big-Wave-Surferin. Ich bin Tochter, Schwester, Tante, Freediverin, Open-Water-Schwimmerin und Partnerin.
Diese Erkenntnis hat lange gedauert. Rational versteht man das schnell. Aber bis man es wirklich fühlt, vergeht viel Zeit. Heute weiß ich, dass mein Wert nicht davon abhängt, ob ich gerade auf riesigen Wellen performe. Das war wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe.
„Ich musste lernen, dass ich mehr bin als nur Big-Wave-Surferin.“


Während der Entstehung des Films bist du zum ersten Mal nach Nazaré gegangen. Wie war das?
Ich surfe am liebsten größere Wellen und bin auch schon mit größeren Boards in Wellen von 10-12 ft rausgepaddelt. Manchmal habe ich eine Welle bekommen, manchmal hab ich sie auch nur auf den Kopf bekommen. Von Big Waves spricht man aber erst von einer Größe von 15-20 Fuß. Als ich dann die Chance bekam mit einem Bekannten nach Nazaré zu gehen, war ich sofort hooked. Aber dann kam der Kreuzbandriss und dieser Traum musste erst einmal warten.
Als mein Knie Ende 2025 wieder belastbar war, konnte ich endlich nach Nazaré. Das war ein unglaublicher Moment. Big-Wave-Surfen fasziniert mich, weil man nirgendwo sonst so präsent, voller Adrenalin und glücklich ist. Auf einer großen Welle gibt es nichts außer diesem einen Moment. Gleichzeitig steckt unglaublich viel Vorbereitung dahinter – körperlich, mental, organisatorisch und finanziell. Wenn dann alles zusammenpasst und du tatsächlich auf dieser Welle stehst, ist das ein Gefühl, das ich kaum beschreiben kann.
Im Film geht es auch darum, seinen eigenen Weg zu finden. Gilt das genauso für deine Entwicklung als Big-Wave-Surferin?
Ja, absolut. Gerade als Frau und in der „Rookie-Saison“ in Nazaré muss man sich alles selbst erarbeiten. Man kommt nicht einfach nach Nazaré und surft große Wellen. Man braucht erfahrene Coaches, ein gutes Team, finanzielle Unterstützung und vor allem Zeit. Ich hatte großes Glück, Menschen gefunden zu haben, die mich unterstützt haben und denen ich vertrauen konnte. Trotzdem muss man lernen, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht von den Meinungen anderer verunsichern zu lassen, denn Big-Wave-Surfen ist ein tougher Sport, der sehr von männlicher Energie geprägt ist.
Wie erlebst du die Community unter den Frauen? Inzwischen surfen mit Katrina, Lena und dir dort ja auch mehr Newcomerinnen…
Wir unterstützen uns, ganz klar. Natürlich ist Big-Wave-Surfen ein sehr kompetitives Umfeld, aber gerade deshalb tauschen wir Frauen uns viel aus und freuen uns ehrlich über die Erfolge der anderen. Es ist schön zu sehen, dass immer mehr Frauen ihren Platz in diesem Sport finden. Ich glaube, Katrina, Lena und mich verbindet eine ähnliche Geschichte. Wir kommen nicht aus klassischen Surfnationen und mussten uns alles selbst aufbauen. Gerade deshalb verstehen wir sehr gut, welchen Weg die andere gegangen ist.
Blick in die Zukunft
Was wünschst du dir, dass Menschen aus SHE IN STORMS mitnehmen?
Dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist. Ich wünsche mir, dass Menschen nach dem Film verstehen, dass wir alle unsere Stürme haben. Man muss nicht immer stark sein oder funktionieren. Und vor allem ist man nicht allein. Wenn sich nach einem Screening jemand traut, über seine eigene Geschichte zu sprechen oder sich dadurch weniger isoliert fühlt, dann hat der Film genau das erreicht, was ich mir gewünscht habe.
Und wie geht deine eigene Geschichte jetzt weiter?
Mein Fokus liegt ganz klar auf dem Big-Wave-Surfen, und Nazaré. Ich habe noch unglaublich viel zu lernen und möchte dort erst einmal Erfahrung sammeln, mein Selbstvertrauen weiter aufbauen und als Big-Wave-Surferin wachsen. Gleichzeitig arbeite ich weiter an meiner vollständigen Rehabilitation. Diesen Sommer bin ich bewusst kaum gereist, sondern habe die Zeit genutzt, um zu trainieren, viel im Ozean zu schwimmen und meinem Knie die bestmögliche Vorbereitung auf die nächste Wintersaison zu geben.
Nach allem, was im vergangenen Jahr passiert ist, weiß ich heute, dass große Ziele Zeit brauchen. Und genau diese Zeit möchte ich mir nehmen.
Film Tour – Tourdaten
🇦🇹 Österreich
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07.11. + 08.11. – Pasching (Linz), Metropolkino
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14.11. + 15.11. – Wien, Gasometer
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17.11. + 18.11. – Innsbruck, Metropolkino
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28.11. – Salzburg, Mozartkino
🇩🇪 Deutschland
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Mitte/Ende Oktober – München, tba
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03.12. – Karlsruhe, Kinemathek
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07.12. – Dortmund, Schauburg
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tbc – Hamburg, Berlin, Freiburg, Nürnberg
🇩🇰 Dänemark
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Datum tbc – Cinema Gloria Biograf
Mehr Inspiration von Surferinnen findest du in der aktuellen Surf Ausgabe:
Between Waves
Surf Issue 26
In dieser Surf-Ausgabe geht es um den Stoff für salzige Träume: die Jagd nach Momenten, die uns den Atem rauben, nach Wellen, die unser Herz höherschlagen lassen, und nach Abenteuern, die uns verändern.

